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Eine Leseprobe aus:
Am Abgrund
Der Alptraum nach dem Überleben
(Monika Sieger / Walter Kiefl )
Leben nach dem Überleben.
Erfahrungen und Betrachtungen eines schwerverletzten Attentatopfers
Für viele überlebende Opfer von Gewaltverbrechen stellt
die erlittene Straftat nur die erste Etappe in einem langen - oft
lebenslänglichen - Leidensweg dar. Abgesehen von dauerhaften
körperlichen Schäden und den damit einhergehenden Beeinträchtigungen
tragen die Prozesse der sogenannten sekundären Viktimisierung
(1) zu einer einschneidenden und häufig dauerhaften Beeinträchtigung
der Lebensqualität bei. Staat, Gesellschaft, Justiz und Leistungsträger
(Versicherungen, Versorgungsämter, Berufsgenossenschaften)
verhalten sich hier nicht nur weitgehend indifferent, sondern sind
mitunter selbst aktiv an einer weitergehenden Bedrückung
und Zermürbung der Opfer beteiligt. Die nachfolgend skizzierte
Fallgeschichte, die in unserem Buch ausführlich beschrieben
ist (2), belegt auf eindringliche Weise die Gültigkeit des
Matthäus-Prinzips (3) bzw. die Fragwürdigkeit der
immer noch weit verbreiteten (weil beruhigenden) Auffassung, daß
Justiz und Sozialstaat ein ernsthaftes Interesse an der Kompensation
erlittenen Unrechts haben.
Vorgeschichte: Vor fast 20 Jahren hat ein bereits auffällig
gewordener gemeingefährlicher Psychopath ein Säureattentat
auf die damals 32jährige Geschäftsführungsassistentin
Simone W. auf ihrem Heimweg von der Arbeit verübt. Simone überlebte
schwerverletzt und hat seither unter erheblichen körperlichen
Beeinträchtigungen - insbesondere bezüglich ihrer Sehkraft
- und Abhängigkeit von Ärzten und Medikamenten zu leiden.
Ihre vielversprechende Berufskarriere wurde jäh und dauerhaft
unterbrochen, was sich auch in erheblichen finanziellen Einbußen
(seit dem Überfall und zukünftig bei der Rente) und dem
Verlust ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit bemerkbar macht.
Ebenso belastend haben sich jedoch auch die Voreingenommenheit der
Polizei, die Indifferenz der Justiz, die Schikanen der Leistungsträger,
die Gefühllosigkeit und Willfährigkeit von Ärzten,
Gutachtern und Therapeuten und die Gleichgültigkeit und Verdrängungsbereitschaft
der Gesellschaft insgesamt sowie die vielfältigen, direkt oder
indirekt auf das Verbrechen und seine Folgen zurückgehenden
Beeinträchtigungen im Alltagsleben ausgewirkt.
Im Folgenden wollen wir die einzelnen Beiträge zur Opferkarriere
skizzieren.
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