Eine Leseprobe aus:
Das Artefakt im Asteroidengürtel
(Hartmut Grosser)
Leseprobe
Summen und Klicken vieler Kontrollinstrumente lag in der Luft.
Ticken von Countern und Kratzen einiger Brushrecordernadeln über
Fotopapier ertönten. Leise surrten die Ventilatoren in den
Computern und den anderen Geräten der Konsolen. Hinten an der
Wand pfiffen die Discs der DVD-Rekorder. Dazwischen erfolgten gemurmelte
Wortfetzen und abgehackte Gespräche. Irgendwo klingelte es
kurz und einer der drei über Fernleitungen gesteuerten Laserdrucker
lief an. Das war die Geräuschkulisse der angespannten, erwartungsvollen
Atmosphäre, die in dem großen Raum herrschte.
An den Terminals, die in vier Reihen hintereinander installiert
waren, arbeiteten konzentriert die Frauen und Männer des NASA-Kontrollzentrums
Houston in Texas.
Gleich ist es soweit, Frank, gab einer der Techniker
heiser bekannt und tastete eine neue Sequenz von Steuerbefehlen
über das Terminal ein. Zielaufnahme für den Endanflug.
Die RECON ist eingeschwenkt.
Der große, hagere Mann in der graublauen Anzugkombination,
der hinter dem Sitzenden stand und ihm über die Schulter sah,
versuchte erfolglos seine Nervosität zu unterdrücken.
Laufend strich er über seine braunen, kurz geschnittenen Haare
oder rückte an der Kopfhörer-/Mikrofonspange herum. Genauso
wie die anderen Menschen um ihn herum, riss ihn die beinahe unerträgliche
Spannung mit.
Sind alle Steuertriebwerke in Ordnung? Gibt es keine Bahnabweichung?
fragte er erregt. Seine Hände umkrampften die Lehne des Sessels
vor ihm. Auch keine Fehlfunktion der Messinstrumente oder
Telemetriegeräte?
Nichts der Gleichen, Frank, erwiderte der Ingenieur
kopfschüttelnd. Alles ist Okay. Sämtliche Scanner
sind aktiviert. Die Laserabtaster des Grafikcomputers müssen
jeden Moment die ersten Asteroiden erfassen und darstellen können.
Unwillkürlich hob Dr. Franklin Tanner, der Leiter des Kontrollzentrums,
den Kopf und blickte auf den mehrere Quadratmeter großen Bildschirm
an der Frontseite des Saales.
Noch zeigte sich dort der sternenübersäte Raum, wie er
von den Videokameras der Raumsonde aufgezeichnet und zur Erde gefunkt
wurde.
Entgegen der früheren Annahme, war das Gebiet nicht mit Asteroiden
übersät. Dadurch, dass sich der Gürtel zwischen Mars
und Jupiter durch das gesamte System zog und auch weiträumig
auseinander lag, gab es keine so hohe Konzentration an treibenden
Felsbrocken, wie die Wissenschaftler ursprünglich geglaubt
hatten.
Bereits vor geraumer Zeit waren von den empfindlichen Weitbereichs-Ortungsgeräten
der Sonde mehrere Asteroiden unterschiedlicher Größe
erfasst worden.
Staubpartikel nehmen zu, meldete einer der Techniker
von einem Pult schräg links an der Wand, der an seinen Oszilloscopes
und Messgeräten die Außensensoren verfolgte. Die
Felsen scheint eine dichte Staubhülle zu umgeben. Konzentration
beträgt jetzt einhundertvierundzwanzig Milligramm pro Kubikmeter.
Temperatur der Außenhülle steigt langsam an. Liegt bei
minus einhundertdreiundsechzig Grad.
Bremstriebwerke gezündet. Für 1,5 Sekunden. Geschwindigkeit
jetzt zweihundert Metern pro Sekunde. Aus der Stimme Leslie
Gordons, des Ingenieurs vor dem Chief, klang Bewunderung. Die
Maschinen der Russen sind wirklich hervorragend.
Stimmt, brummte einer der Männer aus der Gruppe
Wissenschaftler, die neben Tanner stand und genauso gespannt wie
er auf den großen Bildschirm starrte. Deshalb haben
wir für diese Mission auch unsere neuste Raumsonde genommen.
Dieser Forschungsflug in das Asteroidenfeld, das erste wirklich
große internationale Raumflugprojekt nach der Jahrtausendwende,
war eine Gemeinschaftsarbeit aller führenden Industrienationen.
Die Russen stellten ihren neusten Raumflugkörper, dessen Konstruktion
die Ingenieure auf der Basis der Forschungsergebnisse des CLIPPER
MSC, nach dem Neubau des Raumfahrtzentrums bei Moskau aufgenommen
hatten, mit einer Zusatzausrüstung von Treibstoff und der Trägerrakete
zur Verfügung. Das Space Shuttle CLIPPER war ein europäisch-russisches
Gemeinschaftsprojekt zur Versorgung der internationalen Raumstation
ISS. Es diente als Basiskonstruktion für dieses Asteroiden-Projekt.
Optiken, Elektronik und Laborinstrumente stammten von Unternehmen,
die mit der ESA zusammenarbeiteten, alle Ortungsgeräte mit
den entsprechenden Antennen und Tuner lieferten die Amerikaner,
genauso wie die Telemetrieanlagen, während die Japaner sich
für die Computer und sonstige elektronische Ausrüstung
zuständig zeichneten. Russische Bremstriebwerke in Flugrichtung
und starke Steuerdüsen vervollkommneten die modifizierte Konstruktion.
Insgesamt dauerte das Gemeinschaftsprojekt schon drei Jahre. Nach
dem Start von Zone01, dem neuen russischen Raumfahrtzentrum, ging
die RECONSIDERATION, so nannte man die unbemannte Sonde, in eine
Orbitalbahn, die durch die gemeinsam von allen Nationen betriebenen
Raumstation eingenommen wurde. Dort installierten die Techniker
unter der Leitung des houstoner Kontrollzentrums und der russischen
Leitstelle Moskaucontroll eine starke Raketenstufe an dem Raumflugkörper,
um genügend Anfangsgeschwindigkeit zu erzeugen. Den Treibstoff,
den der umgebaute Orbiter in Zusatztanks mitführte, benötigte
er, um im Asteroidenfeld manövrieren zu können. Sonnensegel
für die Stromversorgung brachte man nicht an, dafür besaß
die Sonde einen neuartigen Minireaktor, der die Geräte an Bord
für fast fünfhundert Jahre mit Strom versorgen konnte.
Damit war die Technik noch leistungsfähig, auch wenn der mitgeführte
Treibstoff bereits längst verbraucht war.
Heute schrieb man den 17. Januar 2018. Für die Erforschung
des Weltraums bedeutete das ein denkwürdiges Datum.
Nur schade, dass wir die Sonde nicht direkt steuern können,
murrte der selbe Mann in seinem harten Englisch.
Groß und wuchtig, wie er gebaut war, ließ er durch
seine Bewegungen auf einen Vergleich mit einem tapsigen, gutmütigen
Bären schließen. Auch seine polternde Art zu sprechen
hätte zu diesem Eindruck beigetragen, wären da nicht die
Augen gewesen. Intelligent und durchdringend blickten sie den vor
ihm stehenden Leiter des Kontrollzentrums an. Allerdings ging der
Blick allmählich nach innen. Tief in Gedanken fuhr er sich
durch den wilden, grauen Vollbart, der beinahe das ganze Gesicht
bedeckte und in das halblange, wirre Haupthaar überging.
Das ist leider nicht möglich, Professor Wassilew,
feixte Gordon und hob kurz den Kopf. Die Funkwellen brauchen
fast zwanzig Minuten, bis sie die RECON erreichen. Das bedeutet,
es gibt keine Reaktionen auf unvorhergesehene Ereignisse. Lassen
wir unsere Computer doch selbst steuern und geben ihnen nur die
grobe Richtung an.
Das ist mir alles bekannt, Leslie, murrte der massige
Russe ungeduldig und kraulte weiterhin den dichten Filz unter dem
Kinn. Er schaute hinüber, wo die elektronische Karten den derzeitigen
Kurs der Sonde in dem Asteroidengürtel mitzeichneten. Trotzdem
sollten wir langsam was zu sehen bekommen. Wir sind schon tief genug
eingedrungen.
Nur Geduld, Professor, beruhigte ihn der Chief, obwohl
er sich selbst kaum bezähmen konnte. Gleich ist es soweit.
Kontakt, meldete eine Stimme von weiter vorn an den
Scannern. Trümmerfeld im Sichtbereich der Laser. Es sind
auch größere Brocken darunter.
Ruckartig hoben alle Beobachter den Kopf und blickten gespannt
auf den großen Wandbildschirm.
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