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Eine Leseprobe aus:
Besuch vom Dichter; skurrile Erzählungen
(Monika Adolph)
Der Glücksbringer
Die Tage wurden länger und die Frühlingssonne erwärmte
die Stadt. Die Winterstiefel hatte sie längst gegen Halbschuhe
eingetauscht. Nach einem längeren Spaziergang war es ihr sehr
warm geworden.
Nach Hause zurückgekehrt warf sie einen Blick in den Schuhschrank.
An sommerlichem Schuhwerk befanden sich zwei Paar Sandalen darin,
ein Paar unbrauchbar mit zerrissenen Riemchen, ein anderes könnte
sie, nach gründlicher Überarbeitung von einem Schuster,
noch einen Sommer tragen - aber eigentlich brauchte sie neue.
Auf dem Heimweg von der Arbeit fiel ihr am nächsten Tag ein
Plakat auf, das für das kommende Wochenende einen Trödelmarkt
ankündigte.
Am Sonnabend schreckte sie um 10.00 Uhr in ihrem Bett hoch. Sie
wollte doch auf den Trödelmarkt gehen. Flohmärkte liebte
sie. Manch nützliches Stück oder antikes Kleinod hatte
sie dort schon gefunden.
Also, schnell unter die Dusche, in die Sachen geschlüpft, ein
paar Mal in ein Brötchen gebissen und auf zum Flohmarkt!
Sie schlenderte durch die Reihen der Stände, nahm dies in die
Hand, fragte nach dem Preis einer Kristallvase, begutachtete ein
paar Silberlöffel, konnte sich aber nicht entscheiden. Sie
konnte ja auch eigentlich nichts kaufen, denn sie musste mit dem
noch vorhandenen Geld mindestens eine weitere Woche leben. Am Ende
einer Reihe von Ständen saß eine alte Frau auf einer
bunt bestickten Decke. Die Alte zog an einer Wasserpfeife und blinzelte
ihr zu. Sie hatte südländische Züge und eine braune,
faltige Haut an Gesicht und Händen. Um sich herum hatte sie
eine Menge Schuhwerk ausgebreitet.
"Die Dame braucht bestimmt ein paar hübsche Sommersandalen",
sagte sie mit einem Blick auf ihre stabilen Halbschuhe.
"Hier habe ich etwas für Sie!"
Sie griff in den Schuhberg und zog ein leichtes Paar heraus, deren
hellbraunes Riemchen fast golden in der Sonne glänzte. Magisch
zog sie das Schillern an und ehe sie sich versah, hatte sie die
Sandalen anprobiert. Es geschah wie von selbst.
"Für fünf Euro gehören sie Ihnen, es sind ganz
besondere Schuhe. Sie werden Sie auf den Weg des Glücks führen",
prophezeite die Alte überschwänglich und hielt die Hand
auf.
Sehr viele Münzen hatte die Käuferin nicht in ihrer Geldbörse.
Sie handelte: "Vier Euro geb´ ich dir".
Die Schuhverkäuferin zögerte: "4,50 Euro", und
dabei blieb es.
"Viel Glück!", rief ihr die Alte hinterher.
Sie ging, die Sandalen unterm Arm, nach Hause. Später unternahm
sie einen Spaziergang, um die neu erstandenen Sandalen auszuprobieren.
Forsch schritt sie in dem sehr bequemen Schuhwerk den Weg zu der
Anhöhe hinauf, von der aus man den Blick auf die blühende
Landschaft genießen kann.
An einer Weggabelung, als der Anstieg steiler wurde, den sie gehen
wollte, zog es sie wie mit magischen Kräften in die andere
Richtung.
Der Weg führte leicht abwärts in ein weit ausgebreitetes
Tal. Die Auenlandschaft duftete nach frischem Grün und zahlreiche
Wiesenblumen wiegten sich im sanften Wind. Hier leuchteten die weißen
Dolden des Holunders, dort rosa Heckenrosen am Wegrand. Auf einem
weichen Grasteppich schritt sie leichtfüßig mit ihren
"neuen" Sandalen durch den Frühlingstag. Vom Duft
der zahlreichen Blüten betäubt, setzte sie sich an den
Wiesenrand und genoss die üppige Natur.
In der Nähe eines Holunderbusches fiel ihr eine kleine Blume
auf. Mit ihren leuchtend gelben Blütenblättern zog sie
die Blicke auf sich.
Rings um die Blume wuchs kein Gras. Es befand sich dort nur lockeres
Erdreich. Man konnte meinen, ein Gärtner habe das Blümchen
in diese Landschaft gesetzt. Sicher hatte aber die Natur diese Besonderheit
hervorgebracht.
Beim Betrachten der Blume erfüllte sie ein angenehm, entspanntes
Gefühl. Sie genoss diese beglückende Empfindung und erhob
sich erst wieder von dem Platz, als die Blume vom Schatten des Holunderstrauches
bedeckt wurde. "Tschüs, kleine Blume, bis bald!"
Noch beim Einschlafen an diesem Abend sah sie die kleine gelbe Blume
im Sonnenschein flirren und schloss sie zärtlich in ihre letzten
Gedanken ein.
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