| Die Entstehung
der Märchen
Als Gott die Erde und die Wasser erschaffen hatte und den Menschen
ihren Atem gab, als die Pflanzen und die Tiere sich ausbreiteten
und die Völker die Erde in Besitz nahmen, da freute sich der
Herr über sein gelungenes Werk und ruhte eine Weile.
Nach ein paar Jahrhunderten rieb er sich die Augen und besah sich
seine Schöpfung noch einmal genauer. Da fand er, daß
sich auch die Lüge ausgebreitet hatte. Lug und Trug herrschte
zwischen den Menschen.
"Das muß geändert werden", sagte er zu seinen
himmlischen Heerscharen und sandte den klügsten seiner Propheten
"Moses" und gab ihm die 10 Gebote mit. Aber es half nichts,
die Menschen lachten nur und trieben es ärger als zuvor.
Da schickte er den gütigsten seiner Propheten "Buddha".
Der lehrte den Menschen Güte und Toleranz. Nicht nur gegen
Mitmenschen, sondern auch gegen Tiere. Das wollten die Verblendeten
nicht hören. Sie verhöhnten ihn und stahlen ihm seine
Sandalen.
Da bat der Herr den liebevollsten der Propheten "Jesus":
"Lehr du den Menschen die Liebe!" Aber die Verlogenen
nagelten ihn an das Kreuz.
"Jetzt geht es nur noch mit Strenge", sagte der Schöpfer.
"Mohamed, geh du und schlag mit dem Schwert die, die nicht
gehorchen!" Aber auch Mohamed kam zurück und berichtete
von seinem Versagen.
Nun saß der Herrgott ratlos auf seinem Wolkenthron. Sein
Blick fiel auf den Engel der Wahrheit. "Willst du selber gehen?"
fragte er die Wahrheit. Und so kam es, daß die Wahrheit persönlich
auf die Erde kam.
An alle Türen klopfte sie, aber die Menschen hatten keine
Zeit. Der Engel der Wahrheit wanderte durch alle Länder, fuhr
über die Meere, doch die Türen und Herzen der Menschen
waren und blieben verschlossen. Nur die Kinder hörten ihm manchmal
zu.
Da beschloß die Wahrheit, sich ein anderes Gewand zu nähen.
Sie kleidete sich in bunte Märchen, lustige Sagen und spannende
Legenden. Plötzlich wurde sie freundlich empfangen. Alle Türen
und Herzen standen ihr offen. Sie lehrte und belehrte die Menschen
in dem neuen Kleid, und die Menschen merkten nicht, daß sie
der Wahrheit persönlich ihr Haus geöffnet hatten.
Gudrun Strüber nach Motiven von Karl May
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