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Eine Leseprobe aus:
Habiru
(Dirk Gerhardt)
3: Die Swastika
Nach dem Essen gingen Schena und Sarah an die frische Luft. Schena
hatte Inanna um Erlaubnis gebeten, Sarah noch ein wenig rumzuführen,
um ihr das Dorf zu zeigen. Inanna war erfreut, sie sagte, es könne
nie schaden von den Weisheiten anderer zu lernen, und gab den beiden
mit auf den Weg, sich doch rege auszutauschen. Die Vögel zwitscherten,
die Luft war jetzt, als die Sonne schon etwas tiefer stand, noch
wärmer geworden. Es war aber immer noch angenehm. Sie gingen
nebeneinander her. Schena führte sie zum zentralen Platz. Dort
blieb Sarah plötzlich wie angewurzelt stehen. Sie war kreidebleich
geworden. In der Mitte des Platzes waren Steine in einer runden
Mosaikform gesetzt worden, und in der Mitte des Kreises war mit
dunkleren Steinen deutlich ein Hakenkreuz zu erkennen.
"Das ist ja ein Hakenkreuz." Stellte sie erschreckt fest:
"Seid ihr etwa Nazis?"
Sarah hatte gerade erst im letzten Halbjahr im Geschichtsunterricht
sehr viel davon erfahren, welches Unrecht unter dem Hakenkreuz in
die Welt getragen wurde. Sie hatten ein KZ besucht, in dem Hitler
Hunderttausende Menschen vergasen ließ. Der Schreck war ihr
wirklich ins Gesicht gestiegen.
Schena antworte gelassen: "Ich weiß nicht, was ein Hakenkreuz
ist. Und das Wort Nazis kenne ich auch nicht. Wie soll ich dir also
sagen, ob wir welche sind. Das musst du schon näher erklären."
Doch Sarah war sprachlos vor Schreck.
Schena atmete tief ein und holte weit aus: "Das Zeichen, welches
dich so sehr erschreckt hat, ist unser heiligstes Zeichen. Wir nennen
es Swastika, es ist das Zeichen des Zentrums, um das sich alles
dreht. Und es liegt selbst im Zentrum des Lebenskreises."
"Swastika? Das habe ich noch nie gehört." Sarah
war immer noch verstört. "Und was sagtest du? Lebenskreis?"
"Ja. Die Natur bringt alles rund hervor. Die Körper der
Menschen und der Tiere haben keine Ecken. Unsere Sternkundigen meinen,
auch all das was man im Himmel sehen kann, die Sonne, der Mond,
die Sterne, der Weiße Sternengürtel, sie alle sind rund
und Kreise in größeren Kreisen. Und auch hier auf der
Erde ist es so, denk nur an den Horizont, an einen Regenbogen oder
den See, in dem du eben badetest. Wir ehren den Kreis: Der Kreis
ist zeitlos, steht nie still; aus dem Tod geht neues Leben hervor
- Leben, das den Tod besiegt. Der Kreis hat keinen Anfang und kein
Ende. All das ist für uns schön und voller Bedeutung;
es ist Symbol und Wirklichkeit zugleich. Es drückt die Harmonie
von Leben und Natur aus. Wir versuchen unsere Kultur dem soweit
wie möglich anzupassen. Wir sitzen im Kreis, die gesamte Sippe
vereint, um den Esstisch, oder um das Lagerfeuer. Selbst unsere
Hütten sich rund, und kreisförmig um dieses Zentrum herum
angeordnet. Selbst die umliegenden Dörfer bilden einen Kreis
um Eridu herum."
Sarah hatte den Mund sperrangelweit offen, so sehr staunte sie
über die Worte Schenas.
"Ihr habt Sternkundige?" Sie war von der Weisheit Schenas
beeindruckt, nicht jedoch so sehr, als das sie sich nicht gewundert
hatte, als Schena von den Sternkundigen sprach.
"Aber ja, jeder geht seinen Interessen nach, in der Zeit,
die wir für uns haben. Einige beobachten die Natur, um die
Regeln der Zyklen zu erforschen."
Sarahs Verwirrung wuchs und wuchs.
"Bei uns nennt man es Hakenkreuz, ein irrer Diktator hat es
vor 70 Jahren zum Zeichen seiner Herrschaft gemacht. Er ließ
Lager bauen, in dem die Menschen zur Arbeit gezwungen wurden und
umgebracht wurden. Ich weiß aber nicht, warum er ausgerechnet
dieses Zeichen nahm. Seitdem ist es Symbol des Grauens."
"Wie kann denn so ein heiliges Zeichen Symbol des Grauens
sein? Es ist Symbol des Lebens. In was für einer seltsamen
Welt lebst du?" Nun gesellte sich die Verwirrung auch auf Schenas
Seite. Auch ihr schienen tausend Gedanken durch den Kopf zu schießen,
vor allem wohl wegen der Bedeutung der Wörter, die sie nicht
kannte und die ihr grundlos vorkommende aufgeregte Stimmung Sarahs.
"Was bedeuteten diese eigenartigen Wörter, die du eben
erwähntest? Diktator? Irre? Und das andere, wie war das noch?"
Sarah sagte: "Meinst du - Herrschaft?"
Schena nickte.
"Da hat ein grausamer Mensch sich selbst zum Herrscher gemacht,
so weit ich weiß, nutzte er dafür eine allgemeine Notlage
aus, und hat dann unendlich viel Leid und Krieg über die Welt
gebracht. Er hieß Adolf Hitler. Er wollte unbedingt die Welt
beherrschen und griff dazu viele andere Länder an."
Schena war wütend. Nun hatte sie noch mehr Fragen. "Wie
kann denn ein Mann allein so viel Leid und Gewalt verursachen? Gab
es denn niemanden, der sich dagegen gewehrt hat? Habt ihr keine
Weisen Frauen? Woher kam die Not? Gab es eine Naturkatastrophe und
eure Felder standen leer oder wie? Und überhaupt, was hat es
mit dieser Herrschaft auf sich? Ich begreife nicht, was das bedeuten
soll." Die Fragen schossen nur so aus Schena heraus. Jetzt
fing sie auch an, sich aufzuregen, während sich Sarah langsam
wieder beruhigte. Diese Menschen hatten mit dem Terrorregime des
Dritten Reichs nichts gemein. Sie waren keine Nazis.
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