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Eine Leseprobe aus:
Kontaktaufnahme
Die schwierige Annäherung
Versuch einer Bilanz
(Charlotte G. Hölling / Walter Kiefl Hrsg.)
Walter Kiefl: Macht Flirten Spaß? in: Charlotte G. Hölling/
Walter Kiefl (Hrsg.): Kontaktaufnahme. Die schwierige Annäherung.
Versuch einer Bilanz. Wiesbaden: Escritor 2001, S.130-132
Hohe Hürden für die Männer
und geringe Transparenz für alle zeitigen Folgen, unter welchen
auch Frauen zu leiden haben: Abgesehen von der Notwendigkeit, unerwünschte
Kontaktversuche abwehren zu müssen und den geringen Chancen
zum Kennenlernen von - vielleicht gar nicht so uninteressanten -
zurückhaltenden und sensiblen Partnern ergeben sich für
Frauen generelle Nachteile, wenn aktives und initiierendes Verhalten
zu wenig eingeübt wird. Hinzu kommt ein erhöhtes Risiko,
Opfer von Täuschungen zu werden: Da für viele Männer
die Gelegenheiten für heterosexuelle Kontakte eher rar und
die damit verbundenen Mühen hoch sind, werden manche davon
- sowie sie nur eine Chance sehen - teils voreilig und gedankenlos,
teils berechnend, "Kröten schlucken", indem sie kurzzeitig
ein ihrer wirklichen Beteiligung nicht entsprechendes Engagement
heucheln. Viele Frauen wundern sich dann über das mitunter
recht abrupte Abflauen der Begeisterung oft schon nach dem ersten
Koitus. Niedrigere Hürden bei der Kontaktaufnahme (nicht bei
der Gewährung von Intimitäten) und mehr Transparenz im
Prozess des miteinander Vertrautwerdens könnten dagegen zu
bewußteren und stabileren Entscheidungen füreinander
(oder für einen Abbruch) führen.
Hier scheint die von manchen Kulturkritikern skeptisch betrachte
schöne neue Computerwelt Lösungen zu liefern (dazu z.B.
REUTER 1994; POOTH 1999; CABA 2000; SOUSSAINE 2001a), indem sie
Kontakte ermöglicht, bei welchen - da man zunächst anonym
bleibt - die Angst vor Gesichtsverlusten minimal ist, was der gegenseitigen
Ehrlichkeit zugute kommt. Jemanden, dem z.B. bestimmte politische
Anliegen, ausgefallene Hobbys oder bizarre Sexualpraktiken sehr
wichtig sind, kann diese ins Zentrum seiner Bewerbung stellen und
auf Resonanz hoffen. Da der Markt riesig ist, und man - im Unterschied
zur konventionellen Kontaktanbahnung - bereits in der Anfangsphase
durch Aufrichtigkeit gewinnt (und nicht verliert), haben auch Außenseiter,
Gehemmte, schlechte Selbstdarsteller, Trauerklöße, Grübler
und andere bislang Benachteiligte gute Chancen, Interesse zu erwecken,
ins Gespräch (bzw. ins chatten) zu kommen und so wenigstens
die erste Auswahlrunde unbeschadet zu überstehen. Auf diese
Weise lassen sich ohne großen Streß gemeinsame Interessen,
fruchtbare Divergenzen und wichtige Sehnsüchte entdecken, die
Lust auf ein für beide unbelastetes persönliches Zusammentreffen
machen, bei dem dann persönliche Sympathie hinzukommen kann
- oder auch nicht. Am Anfang stehen jedenfalls nicht Maskerade,
Schauspielkunst, seichtes konformistisches Geplauder, affektiertes
Getue und die Furcht vor verletzender Zurückweisung, sondern
das wechselseitige Wissen um Anliegen, Sehnsüchte und Bedürfnisse.
Die wachsende Beliebtheit der Kontaktanbahnung mit Hilfe der neuen
Informationstechnologien kann demzufolge auch als Indiz dafür
gesehen werden, daß viele und insbesondere ernsthaftere Menschen
den traditionellen und zum großen Teil auf Verstellung beruhenden
Wegen der Selbst- und Partnervermarktung mißtrauen. Das individuelle
und gemeinsame Wohlbefinden in einer immer schwierigeren Umwelt
ist zu wichtig, um es allein von ersten Eindrücken, Äußerlichkeiten
und manipulierbaren Gefühlen abhängig zu machen. Dennoch
sollte man sich nicht zuviel Hoffnung auf eine grundlegende Änderung
machen, wäre doch mehr Ernsthaftigkeit und Tiefe beim Eingehen
von Kontakten den maßgeblichen (d.h. ökonomischen) Interessen
abträglich. Ohne die üblichen Restriktionen und Strategien
der Kontaktaufnahme bestünde für die Beteiligten nämlich
wenig Veranlassung, sich auf die gängigen und mehr oder weniger
kostenintensiven Umwege (z.B. Aufsuchen von Treffpunkten, Einüben
entsprechender Kulturfertigkeiten wie Tanzen, Erlernen "witziger"
Anmacherphrasen in Flirtschulen und vor allem der Erwerb teuerer
statuserhöhender Produkte) einzulassen: Hersteller und Vertreiber
prestigehaltiger Waren und Dienstleistungen oder Betreiber kommerzieller
Begegnungsstätten (z.B. Discotheken, "In-Kneipen",
Kontaktcafes), die vom Geschäft der (wenn auch oft nur temporären
und illusionären) Einsamkeitsüberwindung profitieren,
hätten dann spürbare Einbußen zu verzeichnen. So
wundert es auch nicht, daß z.B. die offene (für viele
allzu offenen) Anmeldung erotischer und sexueller Interessen (etwa
in eindeutigen Kontaktanzeigen) überwiegend negative Bewertungen
erfährt und entsprechende Offerten weithin als "ordinär"
geächtet werden. Eine allgemeine Weigerung, weiterhin den letztlich
über Konsum und Kommerz führenden Umweg zur kommunikativen,
erotischen und/oder sexuellen Erfüllung zu gehen, würde
sich in erheblichen volkswirtschaftlichen Verlusten auswirken. Die
durch das Prinzip des geringsten Interesses garantierten und verinnerlichten
Kontakt- und Kommunikationsbarrieren erfordern (zu bezahlende) Hilfsmittel
zu ihrer Überwindung. Der Gewinn für das allgemeine Wohlbefinden,
z.B. auch als unverkrampfteres Verhältnisses der Geschlechter
zueinander, wäre da wohl nur ein bescheidener Ausgleich.
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