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Buchmesse in Leipzig 2009
Ein Messebericht von Hanna Jüngling
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Schrill gekleidete junge Leute, eine unübersehbare
Vielfalt von Büchern, entstanden in den Phantasien eigenartiger
Menschen. Schau dir das alles doch mal an! sagte Hartmut
Großer zu mir und zeigte in die weite Messerunde. Man
muss doch verrückt sein, um das zu machen, was hier ausgestellt
ist. Ich stimmte bedenkenlos zu. So ist es! Er neigte sich näher
an mein Ohr: Und wenn das nicht so wäre, könntest
du mich hier bei den Creativos nicht finden. Ich bin nämlich
hier genau richtig.
Wer sich verkleidet, kommt billiger rein. Die deutsche Jugend war
zahlreich in den Gewändern von Fantasy-Helden, Geishas oder Samtkatzen
erschienen. Auch Gudrun Strübers Lesung im Lesecafé Shakunda
in der Stadt war zum größten Teil von Jugendlichen besucht.
In der Lesung wurde Gerhard Ludwigs neues Buch Weg der Götter
vorgestellt. Der oft beschworene, doofe deutsche Nachwuchs erwies
sich als interessiert, idealistisch und auf der Suche nach Kontakt
mit den Alten. Ich stellte bei der Gelegenheit fest, dass ich definitiv
nicht mehr zur Jugend gehöre.
Die Messeanlage allein ist schon eine Reise wert. Dem Leipziger Hauptbahnhof
nachempfunden wölbt sich die Eingangshalle trotz ihrer Riesenhaftigkeit
luftig über Radiostationen, Kassenhäuschen, Fressbunden
und Treppenbauten. Sie ist vollständig verglast. Drumherum fünf
gigantische Messehallen
Ich wohnte mit einer erlesenen Auswahl deutscher Senioren auf dem
Campingplatz Auensee in Blockhütten: den legendären, sich
kabbelnden Strübers, der fast unwirklich vitalen Gerlinde Lenz,
Dorothea Christian diesmal ohne ihre Tochter und der samtgewandeten,
rothaarigen, morgens lang schlafenden Ingrid Hammer, die in der Galerie
Toumaart von Michael Touma einige ihrer hervorragenden neuen Gedichte
las. In der Galerie konnte man Toumaart bewundern, unter
anderem auch das Bildnis eines laufenden, schwebenden Jungen am Strand,
über den Michael Touma ein langes Gedankengedicht geschrieben
und rezitiert hat: Rückzug auf die einfachen Wahrheiten des Menschen
in einer Welt, deren kriegerischer, ungerechter Zustand sich nicht
ändern will.
Ich für meinen Teil verbrachte während der ersten beiden
Tage viel Zeit mit der Buchbinderin Claudia Flade, die eine Buchmanufaktur
hat, in der sie neben gewöhnlichen buchbinderischen Auftragsarbeiten
auch so besondere Dinge wie Büchertuning anbietet.
Immer wieder verschwanden einige von uns auf einer der zahlreichen
Lesungen, die in den Hallen stattfanden. So hörten und sahen
wir Peter Sodan, Daniel Kehlmann, Michal Hvoretzky, Sara Wagenknecht,
und immer wieder Wolf Biermann inklusive Klampfe, daneben Imitatoren,
junge Autoren, die keiner kennt und Frauen wie Sibylle Lewitscharoff,
die mit ihrem Roman Apostoloff für Furore gesorgt
hat.
Der Creativo-Stand war eine bunte Miniaturausgabe der Messe im ganzen.
Buchkunst, Lyrik, Esoterik, Christliches, Krimis, Wissenschaftliches,
Kinder- und Sachbücher, vieles selbstgemacht, anders als die
ewige gleiche kommerzielle Bestsellerware
Der Chef des Ostfalia-Verlages
flog in Frack und Zylinder an unserem Stand ein und aus, der Smaragd
Verlag zog mit seinem Esoterikprogramm auch ohne Vertreter Interessierte
an. Und Rolf Thums Krimi-Roman aus der Tangoszene Der Tod tanzt
mit stand als Gast bei uns mit im Regal.
Es gibt Stände, da spürst du, die Leute sind offen,
sagte Claudia Flade. Und es gibt welche, da gehst du automatisch
vorbei, ohne reinzuschauen. Bei uns blieben jedenfalls viele
stehen, obwohl oder vielleicht gerade weil wir meistens zu fünft
auf fünf Quadratmetern schwätzten, Kunden berieten, Tee
tranken und eine Riesenbox mit Gummifaltern verzehrten, allen voran
Hartmut
Die Kunden ja wer waren die eigentlich? Buchhändler? Ich
erkannte jedenfalls keine. Autoren, die Verlage suchen. Leute, die
etwas ganz Spezielles suchen, Leseratten, Bücherwürmer,
und natürlich passend zu den Verlegern: Verrückte. Unmengen
an Menschen aller Generationen, die trotz der zeitweisen Überfüllung
zu keinem Zeitpunkt aggressiv waren.
Um endlich ein Ende zu finden, kann ich nur kurz sagen, dass es super
war, richtig cool. Ich fühlte mich so ganz in meinem Element
und hoffe, dass die Kontakte, die wir geknüpft haben, zu guten
Projekten und Geschäften führen werden. Meine endlose Rückfahrt
nach Karlsruhe war begleitet von zwei kichernden jungen Frauen, die
als Katzen verkleidet waren und mich bemitleideten, weil mein Sitznachbar
schnarchte wie ein Sägewerk. Sie kicherten sage und schreibe
fünf Stunden lang, brachten auch mich dazu, Tränen zu lachen,
und nicht nur mich. So saß unsere Schnarchnase inmitten eines
Abteils, in dem die Fahrgäste Tränen lachten. Alle noch
das Band mit dem Aufdruck www.leipziger-messe.de um den
Hals. |
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