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Eine Leseprobe aus:
"Oben ohne"
oder das unsichtbare Kostüm
(Walter Kiefl / Marina Marinescu)
Einleitung:
Zur Untersuchung eines heiklen Themas
„Es gibt keine von Natur aus banalen, an sich uninteressanten
Handlungen“
(Jean-Claude Kaufmann)
Vor mehr als dreißig Jahren, im Frühsommer 1964, gelang
es einem bislang wenig bekannten Modeschöpfer, in die Schlagzeilen
der Boulevardpresse zu kommen und sich dort einige Wochen lang zu
behaupten. Es handelte sich um Rudi Gernreich (1922 - 1985), den
„Erfinder“ des „oben-ohne“ Badeanzugs, der
nach Auffassung seiner wenigen Befürworter einen Beitrag zur
Enttabuisierung des Körpers, zur Liberalisierung (nicht nur)
am Strand und damit zur allgemeinen gesellschaftlichen Entkrampfung
geleistet hat, Nach Meinung der konservativen Mehrheit galt (Gernreich
aber als „Narr“ oder „Moralverbrecher“.
Nicht einmal die zu jener Zeit in ihrer Nische etablierte FKK-Bewegung
hat diesen Vorstoß positiv aufgenommen. Skepsis und Ablehnung
überwogen auch hier, denn Gernreichs Idee hatte nichts mit
der Ideologie und Tradition der Nacktkultur zu tun. Weder die „oben
ohne“ Mode noch der später massenhaft praktizierte Verzicht
auf Büstenhalter im Bad und am Strand können als Vorform
oder Konsequenz des organisierten Nudismus betrachtet werden. „Oben
ohne“ ist ein eigenständiges Phänomen, das auf teilweise
anderen Motiven, Begründungen und Traditionen beruht, wenn
sich auch die damalige Empörung mit tief verwurzelten anti-nudistischen
Affekten, mit Nudophobie, erklären läßt.
Die Anregung, sich mit der Liberalisierung an Stränden und
in Bädern zu befassen ergab sich zunächst aus der Genugtuung
darüber, daß sich - etwa seit Ende der 60er Jahre der
Badekleidungszwang gelockert hat. Zum Ablegen der Oberteile (oder
gar zum „wilden“ Nacktbaden) gehörte anfangs noch
Mut angesichts eines damals noch ziemlich ungebrochenen Verhältnisses
zur Obrigkeit und ihrem Sanktionspotential. Aber auch schon im Vorfeld
behördlichen Eingreifens handelte es sich um ein riskantes
Unterfangen, denn mit mißbilligenden Blicken, unfreundlichen
Bemerkungen oder Drohungen mußte gerechnet werden.
Begleiterscheinungen der in den 70er und 80er Jahren zu beobachtenden
Entkrampfung im
Bad waren die Rückzugsgefechte der Moralisten, von empörten
1 Leserbriefschreibern bis hin zu organisierten Kampagnen „ordentlicher“
Bürger gegen diesen doch recht bescheidenen Befreiungsakt.
Manche hatten nichts sinnvolleres zu tun, als Unterschriften gegen
inoffizielle FKK-Gelände an Seen oder das „oben-ohne“
Baden in Freibädern zu starten. So rief z.B. der Münchner
Katholikenrat in der „Sauren-Gurken-zeit“ des Jahres
1981 zum Kreuzzug gegen die „Nackte Unkultur“ im Englischen
Garten auf und drohte sogar mit Bürgeraktionen (S. 85)‘
Es erscheint bezeichnend, daß sich die
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