|
|
Eine Leseprobe aus:
Schlaraffenland, Bühne und Ventil.
Ein Plädoyer für den ganz normalen Bade- und Pauschaltourismus.
(Dr. Walter Kiefl)
Allein in Deutschland wurden in diesem Jahr
62 Millionen Reisen unternommen, wobei Veranstalter, Fluggesellschaften,
Hotels und Restaurants rund 96 Milliarden DM eingenommen haben.
Pro Kopf und Reise wurden dabei im Durchschnitt 1549 DM ausgegeben
(Focus 32, 6.8.2001). Über 50% der deutschen Urlauber bevorzugten
Pauschalreisen, 43% erreichten ihr Ziel mit dem Flugzeug (Harenberg
2001, S.218). Nach Prognosen des World Travel & Tourism Councils
(WTTC) wird die Zahl der Touristen im Jahr 2011 die Milliardengrenze
überschreiten, weltweit mehr als 9,2 Billiarden Dollar umsetzen
und 260 Millionen Menschen beschäftigen, wobei Deutschland,
Japan und die USA die meisten Touristen stellen (Focus 32, 6.8.2001,
S.113).
Das wirtschaftlich so bedeutsame Reisegeschäft ist aber wissenschaftlich
weitgehend unterrepräsentiert (4). Brigitte Scherers Bemerkung,
daß es über keine andere Branche so viele Vorurteile
und so wenig wirtschaftlich und wissenschaftlich Stichhaltiges als
über den Tourismus gibt (Scherer 1995, S.7), ist auch heute
noch gültig. Überspitzt formuliert hat das damit zu tun,
daß Freizeit und Urlaub der akademischen Forschung (die andere,
kommerziell betriebene, scheint noch weniger aufgeschlossen) nicht
ernst genug erscheinen. Abgesehen von der Darstellungen tourismusökonomischer
Fragestellungen hat bis vor kurzem die nicht primär wirtschaftlich
orientierte Beschäftigung mit Urlaub, Freizeit und Reisen innerhalb
des akademischen Lehr- und Forschungsbetriebs besonders im deutschsprachigen
Raum keinen sonderlich hohen Stellenwert eingenommen, was sich z.B.
an einem relativen Mangel an einschlägigen Hand- und Lehrbüchern
und einer geringen Anzahl tourismuswisenschaftlicher Lehrstühle
und anderer Einrichtungen oder am als unzureichend empfundenen Stand
der Theoriebildung und der Forschungsmethoden zeigt (dazu z.B. Kagelmann
1993). Die entscheidene Ursache dafür sehen Bachleitner und
Haas (1998, S.7) darin, daß "... Aspekte des Genießens
und Vergnügens, wie sie uns gerade im Freizeit- und Tourismussektor
entgegentreten, ... traditionell wenig in den Kontext der Wissenschaften
(passen): denn dort geht es um Tiefsinniges, um Analysen, Entwürfe
und Konstruktionen der Wirklichkeiten, schlicht um ernste Probleme
des Lebensvollzugs und der Lebensplanforschung. Gegenüber dem
rein "Privaten" zeigte man von Seiten der Sozialwissenschaften
lange Zeit Wahrnehmungsverweigerung und Ignoranz. Phänomene
wie die "frei disponiblen Zeiten" sind daher trotz der
"Alltagswende" aus sozialwissenschaftlicher Sicht nur
marginal erforscht. Puritanische Sinnperspektiven können hierfür
verantwortlich sein ... Die sozialwissenschaftlichen Analysen des
Sozialphänomens Tourismus ... fallen dürftig aus. Erst
in jüngster Zeit und gegen zahlreiche Widerstände ist
eine sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung in Konturen erkennbar"
(vgl. auch Romeiß-Stracke 1998, S.8 ff.; Hennig 1999, S.23-26).
Dies trifft auch für den sogenannten Massen- und Pauschaltourismus
- häufig ein Synonym für den Tourismus überhaupt
- zu. Möglicherweise läßt ihn schon sein eher ungünstiges
Image als nicht sehr attraktiv für eine eingehendere Erkundung
jenseits distanzierter Herablassung erscheinen. Häufig reduziert
sich die Kritik an ihm auf Schuldzuweisungen an Veranstalter, Hoteliers,
Fluglinien, Bürokraten, Planer, Tourismus-Experten und Touristen.
Er erscheint dabei oft als Zerstörer nicht nur der Natur, sondern
auch der Kultur der Bereisten, wobei fremde Gesellschaften und Kulturen
als mehr oder weniger homogene und geschlossene Gebilde betrachtet
werden, die es vor allzuviel sozialem und kulturellen Wandel zu
bewahren gilt - zumindest soweit er vom Tourismus induziert ist.
Entsprechend werden die in größerer Menge auftretenden
Touristen häufig als undifferenzierte, träge und gesichtslose
Horde dargestellt und - was die mit den Wechselwirkungen zwischen
Erwartungshaltung und Wahrnehmung Vertrauten nicht überrascht
- auch entdeckt. Ärgerlich an dieser Art der Beschreibung ist
die geringe Differenzierung und die unreflektierte Tradierung bekannter
Vorurteile und Unterstellungen, die letztendlich auf eine lange
gepflegte Massenphobie der Bildungselite zurückgeht. Sie weist
eine stabile Tradition in der Zivilisations- und Kulturkritik auf
(Kiefl 1993) und hat sich dort ungeachtet schon früherer überzeugender
Versuche einer Relativierung (Geiger 1950) auch zäh gehalten.
Dies ist zum einen in Ängsten (vor dem Zerrbild eines gewalttätigen,
grölenden und betrunkenen Mobs), zum anderen in den dadurch
gebotenen billigen Möglichkeiten der eigenen Profilierung begründet.
Parallel zu dem von Medien und Werbung gepflegten Kult der Individualisierung
und einem entsprechenden elitären Gehabe derjenigen, die glauben,
sich äussern zu müssen, wird die Abneigung gegen eine
drohende "Vermassung" geschürt, verbunden mit der
unausgesprochenen (weil politisch nicht "korrekten") Befürchtung
einer bevorstehenden Nivellierung bestehender sozialer Unterschiede.
Mitunter werden die kritisierten Pauschal- oder "Massentouristen"
in den Medien aber auch als betrogene und ausgebeutete Opfer dargestellt
(z.B. tz, 5.8.1994), wobei sich die Kritik nicht immer nur auf die
(mitunter allzu voreilig) den Veranstaltern angelasteten Reisemängel
(Überbuchung, Wartezeiten, Lärm, Schmutz, Belästigungen)
bezieht, sondern grundsätzlicherer Art ist: Die Bequemlichkeiten
und Verführungen einer quasi-paradiesischen und künstlichen
Scheinwelt würden Reisende um das "eigentliche" bzw.
"ethisch korekte" Anliegen, nämlich das Erfahren
und Erleben fremder Lebenswelten und damit um Erfahrungs- und Lernchancen
bringen (z.B. Burghoff/Kresta 1996, S.67-71). Solche Haltungen spiegeln
den Versuch wider, das Genusstreben der Urlauber mit sozialpädagischen
Ansprüchen der Kritiker unter einen Hut zu bringen.
zurück
|