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Eine Leseprobe aus:
Sinti und Roma
Abriss der Geschichte und Kultur einer europäischen Randgruppe
(Dr. Walter Kiefl)
Migrationsgeschichte
Obgleich viele Roma-Gruppen davon überzeugt sind, ursprünglich
aus Ägypten zu stammen, gehen die meisten Ethnologen und Sprachwissenschaftler
davon aus, dass ihre eigentliche Urheimat im nordwestlichen Indien
(Pandschab) liegt. Begründet wird dies u.a. damit, dass die
Bezeichnung Rom lautlich auf Dom hinweist,
eine in ganz Nordwestindien bekannte und gering geachtete Kaste,
deren Angehörige vielfach als Musiker und Tänzer auftreten.
Zudem konnte anhand sprachwissenschaftlicher Studien nachgewiesen
werden, dass die Sprache der Rom-Gruppen den paisatschi-Dialekten
der indo-arischen Sprachen angehört.
Aus der sprachlichen Einordnung lässt sich aber keine entsprechende
ethnische Zugehörigkeit ableiten, d.h. es handelt sich bei
den Roma eher um eine kulturelle und soziale als um eine rassische
Einheit. Aufgrund zahlreicher und verschiedenartiger Blutsvermischungen
im Verlauf ihrer Geschichte können keine gesicherten Aussagen
über den ursprünglichen Rassetyp gemacht werden.
Man nimmt an, dass die Rom einem vorarischen Bevölkerungssubstrat
entstammen, das sich auf Wanderschaft begeben hat (*6).Ungeklärt
ist die Frage nach den Gründen für die Ausformung ihrer
nomadischen Lebensweise. Vermutlich hat es sich bei ihnen ursprünglich
um Wildbeuter gehandelt, deren Jagd- und Sammelgründe durch
das vordringende Bauerntum immer mehr eingeschränkt wurde,
so dass ihnen wenn sie als Gruppe überleben wollten
schließlich nur die Lebensweise eines Wandervolkes
geblieben ist.
Aufgrund der Konzentration der Roma in Südosteuropa und insbesondere
in Rumänien und der starken internationalen Präsenz der
Roma rumänischer Herkunft sind die vom Rumänischen beeinflussten
Vlach-Dialekte heute dabei, sich zum Romane, einer gemeinsamen internationalen
Standardsprache der Roma zu entwickeln, die auch zahlreiche griechische,
serbische, türkische und bulgarische Wörter und Redewendungen
enthält, doch haben die Strukturen der Balkansprachen die ursprüngliche
indische Konfiguration der verschiedenen Dialekte nur wenig verändern
können (*7).
Der Beginn der Roma-Wanderungen lässt sich nicht genau angeben,
doch sollen die ersten, angeblich 12.000 Menschen umfassenden Gruppen
zur Zeit des Sassanidenkönigs Bahram-Gor (421-439) nach Persien
gekommen und dort im 9. Jahrhundert schon sehr zahlreich gewesen
sein. Andere Forscher datieren dagegen die Abwanderung aus Nordindien
erst etwa auf das Jahr 1.000. Übereinstimmung besteht darüber,
dass sie sich dort in die Ben und Phen teilten. Die Ben zogen über
Syrien, Palästina, Ägypten und Nordafrika nach Spanien,
die Phen über Mesopotamien, Armenien, Kleinasien und Konstantinopel
zum Balkan und erreichten zwischen 1407 und 1418 Mittel- und wenig
später Westeuropa (Zimpel/Pietrusky 1997, S.609).
Erstmals erwähnt wurden die Roma im 12. Jahrhundert in einer
byzantinischen Quelle als Athingano (s.o.). Ende des
13. Jahrhunderts wurden sie in einem Brief des Patriarchen von Konstantinopel
als (steuerpflichtige) Aigyptoi und Athinganoi
erwähnt und 1322 wurden sie in einem Text auf Kreta genannt.
1348 schenkte der serbische König Stefan Duschan (1331-1355)
einem Kloster Zigeuner, 1370 tauchten so bezeichnete
Gruppen in der Walachai auf und 1387 erhielt das Kloster Tismana
vom damals regierenden Fürsten 40 Familien übereignet,
die im Unterschied zu den leibeigenen Bauern auch
verkauft werden konnten, d.h. Sklaven waren (*8). Im ausgehenden
14. Jahrhundert gelangten die Roma nach Siebenbürgen und von
dort aus weiter nach Mittel- und Westeuropa. Die nomadischen Lebensweise
war nun nicht mehr bei allen Gruppen verbreitet. Byzantinischen
Quellen zufolge gab es in den Dörfern auf dem Balkan mehr oder
weniger christianisierte und fest ansässige Athingano-Minderheiten,
und häufig waren die Männer sogar mit griechischen Frauen
verheiratet.
Die Beendigung der Leibeigenschaft der Roma in den rumänischen
Fürstentümern im 19. Jahrhundert brachte neben der Freiheit
auch Probleme mit sich, hörte mit der Fremdbestimmung durch
den Grundherrn auch dessen materielle Fürsorge auf. Auf sich
allein gestellt, litten viele noch größere Not als vorher,
und so kam es Ende des 19.Jahrhunderts zu einer weiteren umfassenden
Westwanderung.
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