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Eine Leseprobe aus:
Unterwegs und Ankunft
(Ingrid Hammer)
Asylant ist ein Unwort. Es steht in der Zeitung, Sprachforscher
haben es herausgefunden. Ich weiß es längst.
Man hatte gerade den 3. Oktober gefeiert, Jahrestag der Einheit
- Zweiheit - mit schönen Reden und Brandsätzen. Ich bin
auf dem Weg nach Berlin: braune, matschige Äcker, morgen die
Heilige Nacht.
Früher sangen sie noch die alten Lieder. Solange sie sangen,
war es schön. Spannung vor dem Schlüsselloch, endlich
die Glocke, der Tannenbaum glitzerte. Goldene Schleifen, Duft von
Zimt und Äpfeln. In einem Winkel des Herzens hockt noch immer
das erwartungsvolle Kind, leicht zu beglücken.
Der Triebwagen zuckelt durch Goslar. Kaiserherrlichkeit und Klusfelsen,
Poffis auf dem Weihnachtsmarkt, buttrig-süße Miniaturen
aus Holland. Damals war's samtiger Matjes in Maastricht, heute der
EU-Gipfel, mehr Stichelhaar als Samt. Europa strebt oder sträubt
nach der Einigung, die Sowjetunion ist zerfallen, Jugoslawien. Draußen
Schutthalden, innen Scheuklappen.
Bin ich verrückt, nach Berlin zu fahren? Keiner hat mich eingeladen.
Ja, Emma liebt Überraschungen, will die Lieben auf die Probe
stellen.
Fichten stehen da wie sich mausernde Hühner. Ich beneide die
Birken um ihr fröhliches Wachstum.
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