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Als hätten sie ein Ziel
(Ingrid Hammer)
Rezension von Michael Touma:
Als ich die Texte von Ingrid Hammer in einer Veranstaltung hörte,
tauchten vor mir sofort Bilder und Schriftzeichen auf. Ich war vom
Rhythmus ihrer Sprache und den vielfältigen Assoziationen der
Texte tief berührt.
Ingrid Hammer gehört zu jenen Schriftstellern, die an Utopien
glauben. Eine Seltenheit in unserer Gesellschaft, in der die Werbung
die Literatur ins Abseits drängt und der Videoclip die Utopie
schlechthin ist. Obwohl sich Ingrid Hammer der Sprache der Werbung
in ihrer Knappheit bedient, und einprägsame Schlagworte und
die Direktheit ihrer Sprache wie telegrafische Schnappschüsse
wirken, bezeugt ihrer Schreibweise tiefe Empfindsamkeit gegenüber
der Welt und den Mitmenschen. Spätestens beim zweiten und dritten
Lesen der Texte entdecken wir die Vielschichtigkeit ihrer Beobachtungen.
Sie weigert sich, sich der stumpfsinnigen Stimmung des Schlaraffenlandes
der Konsumgesellschaft anzuschließen und lässt sich vom
trügerischen Bild dieses scheinbaren Friedens nicht täuschen.
Ihre dichterische Gesinnung führt sie dazu, hinter den Schein
der Welt zu blicken. Dabei sieht sie das Menetekel deutlich auf
der Wand geschrieben. In unseren Kaufparadiesen und Vergnügungsparks
haben wir verlernt, die Deutung des Zeichens wahrzunehmen. Wir geben
uns der Selbsttäuschung hin und halten die gepolsterte Welt,
in der wir uns bewegen, für die Wirklichkeit an sich.
In der Erzählung "Als hätten sie ein Ziel"
unternimmt Ingrid Hammer eine Fahrt nach Berlin, es ist aber gleichzeitig
eine innere Reise, in der die Realität und das Selbst reflektiert
werden. Und kraft ihrer Beobachtungsgabe entziffert sie den Geist
der Zeit in den Gesichtern der Menschen, in der Architektur der
Häuser und in den Plakaten an den Wänden. Trauer, Wut
und Ängste sind die Gefühle, die sie dabei befielen. Sie
greift moralische Themen auf, ohne moralisierend zu sein.
Als Erzählerin behält sie ihre sprachliche Souveränität.
Die Wortwahl wird vom Duktus der Stadt durchdrungen. Beim Lesen
spürt man den Klang der Sprache. Die Beschreibungen sind voller
Frische und reich an Nuancen. Sie rufen Bildassoziationen hervor.
Handlungen und Alltagssituationen sind lebendig und plastisch geschildert.
Somit ist die Erzählung auch als Performance oder Theaterstück
vorstellbar. Vielleicht ist diese Art zu schreiben ihrer langjährigen
Tätigkeit am Theater geschuldet, wo sie u.a. als Souffleuse
und Regieassistentin gearbeitet hat.
Zum Schluss einige Worte zur Gestaltung des Buches. Mit Elementen
aus der Stadtlandschaft, Schriftzeichen und abstrakten Formen habe
ich versucht, den Geist des Textes sichtbar zu machen. Die Farbe
wurde auf Schwarzweiß reduziert, um die Dramatik der Erzählung
zu betonen. Ein weiterer Aspekt meiner Herangehensweise war, den
Rhythmus der Reise wiederzugeben und die Gedankenassoziationen der
Autorin formal zu unterstreichen, auch auf die Gefahr hin, dass
dadurch die Lesbarkeit erschwert wird. Ich hoffe aber, dass der
Leser sich die Zeit nimmt, sich in das Labyrinth der Gedankengänge
zu begeben. Bei der Komposition der Seiten habe ich mich vom Klang
der Worte inspirieren lassen und stellte sie mir im Raum gesprochen
vor.
Michael Touma, Leipzig, den 12. 08 2006
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