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Weg der Götter

Autor:
Gerhard Ludwig
Verlag:
Fabuloso Verlag, Bilshausen
Erscheinungsjahr:
2008
Sonstiges:

Taschenbuch
ca. 110 Seiten
Preis 10,00 €
ISBN 978-3-935912-40-2

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Leseprobe
Seite 1 bis 5 (Einleitung)

Das Jahr 2013, Planet Erde

Seit Jahren schachern drei weltbeherrschende Blocks um die Verteilung der Macht:
Der afrikanisch/chinesische Block unter der offiziellen Fuchtel des sich ständig mit Intrigen und offener Korruption selbst lähmenden Nationenkongresses ACNC, wobei man munkelt, heimlich zögen die Chinesen die Fäden, um die Aufstiegsbemühungen der Afrikaner zu torpedieren und chinesische Positionen im Schatten der offiziellen Fingerhakelns klammheimlich in handfeste Fakten umzuwandeln. Chinesen mögen keine laute Politik.
Es folgt der amerikanische Block unter der Ägide des Multimillionärs D.W.George, de facto eine Marionette der U.S.-amerikanischen Wirtschaft, von dem Kritiker behaupten, er beliefere die Gegner unbequemer Staaten mit Waffen, um deren Widerstand zu schüren. Wenn das keinen Erfolg bringe, könne man die alten Machthaber immer noch direkt bekämpfen. Wenn doch, notfalls auch die neuen! Auf diese Weise ist man Wohltäter, Lieferant und Bewahrer der Weltordnung in einem. Und man wird veraltete Waffen los und kann Neuentwicklungen ausprobieren. Wie in Fern- und Nahost mehrfach bewiesen. Ein kleiner Napoleon! Das ist gut für die Wirtschaft. Die Wirtschaft der USA.
Für die eigenen Toten wird eine schicke Trauerfeier gehalten. Die Toten der Gegenseite waren zur falschen Zeit am falschen Ort – oder sind Terroristen. Das zieht immer.
Die Umwelt? Aber sicher! Seit 2007 ziehen alle US-Präsidenten ernsthaft in Erwägung, darüber nachzudenken. Es folgt das zentralasiatische Pendant unter dem greisen russischen Geheimdienstgeneral Polutkin, dem guten Freund eines bereits verstorbenen deutschen Regierungschefs, für den seine fünfte Frau wohl eine zuviel war. Schade um den Mann. War ein großer Staatsmann und kein schlechter Schauspieler.
Jeder Block macht den anderen nach Belieben für eigenes Scheitern verantwortlich. Das ist normal! Schließlich will man ja nur das Beste für die eigene Bevölkerung. Also das Beste für die eigenen Günstlinge, die eigene Lobby. Damit das Beste für sich selbst. Für dieses Ziel wird, egal welchen Block wir betrachten, der Bevölkerung ein grandioses Schauspiel geliefert. Es heißt: „Die Guten und die Bösen.“
Die Guten sind natürlich immer die Meinungsführer eines Blocks. Abstrakt: Natürlich Wir! Solange es genug Schuldige gibt für Pannen, Pech und Pleiten, kann man die Massen nach Belieben lenken. Hauptsache, die eigene Lobby kontrolliert die Fleischtöpfe. Dafür braucht man das Volk. Dieses motiviert man mit populistischen Methoden. Dann tun sie alles für dich. Allerdings sind die Fleischtöpfe nicht für diese Statisten gedacht. Wo kämen wir da hin?
Es ist ein globales Kasperltheater!
Geändert wird natürlich nichts. Warum auch? Funktioniert doch! Der Eindruck, man bemühe sich verbissen um die Beseitigung der Missstände, reicht völlig. Manchmal genügt einfach eine nette Aktion, zum Beispiel für die Umwelt. Das tut dann allen gut. Und wenn es misslingt? – Richtig! Dann sind wieder die Anderen Schuld!
Gratulation! Sie haben den Crashkurs „Weltpolitik“ erfolgreich bestanden. Übrigens ist dieses Prinzip übertragbar auf jede politische Ebene.
Angeblich liegt das Geheimnis der Evolution im Wechselspiel von Versuch und Irrtum. Kann man auch das übertragen? Auf die Politik? Auf Wirtschaftsgesetze? Aufs Klima? Auf unseren Planeten?
Welche Lebensbedingungen vermachen wir unseren Kindern?
„Schaun mer mal?“

2016, Dorf Lauenberg, 90 km südlich Hannover, BRD
Der Kampfpilot Garsson genießt seinen Urlaub. Äußerlich gelassen liegt er am Ufer des Bächleins „Dieße“, das dem Wald weiter oberhalb von Lauenberg entspringt. Hier in der Gegend kennt er sich gut aus. Das alte Schwimmbad nebenan besucht er, sooft es geht. Die Wälder ringsum sind ein Eldorado für Pilzsammler, Beerensucher – und Wilderer. Hinter dem nächsten Hügel liegen Fischteiche. Forellen. Die wenigsten davon bekommt der Eigentümer zu essen und den hat Garsson lange nicht gesehen. Sonst trifft man den alten Wabnitz oft hier im Revier, wenn er seine Schafe treibt.
Auch im Bach vor seinen Füßen stehen junge Forellen. Und Flusskrebse! Prächtige Exemplare, zwei davon reichen als Mahlzeit. Im Hintergrund der „Pfifferlingshügel“. An ihm kann man zu bestimmten Zeiten ganze Körbe voll dieser schmackhaften Pilze sammeln, wenn man gut zu Fuß ist. Der Waldweg dort führt in steilen Mäandern bergauf und öffnet sich einem verlassenen mittelalterlichen Steinbruch. Diesen Bruch will Garsson mit Acki, seinem Labrador-Rüden, näher untersuchen. Aber noch liegt er im Gras, schaut den ziehenden Wolken nach und den Flugzeugen, die über den Wolken ihre Kondensstreifen an den blauen Himmel malen.
„…manchmal geh ich durch die Straßen voller Glück…“, brummelt er leise und gibt damit einer Stimmung Ausdruck, auch wenn seine Version nicht immer dem Original- Text entspricht.
Garsson hatte ein Dossier von der Abteilung „Sicherheit“ erhalten. Es ging um mögliche strategische Pläne von Herrn Polutkin. Er kannte ihn noch aus dessen Tätigkeit in der damaligen DDR. Ein Technokrat. Eiskalt. Ein schlauer Kopf und kühler Rechner, von dem Gefühlsduseleien nicht zu erwarten waren. Eben darum hielt Garsson die Gerüchte um Okkupationspläne der Russen für Westeuropa zwar für glaubhaft. Natürlich hatten die solche Pläne in der Schublade, genau wie die USA für jeden Staat dieser Welt vergleichbare Pläne bereit hielten. Aber warum sollten die Russen sich die Mühe machen und Millionen Rubel ausgeben für einen Feldzug, dem Europa außer den französischen Atomwaffen nichts entgegenzusetzen hätte? Vielleicht käme auch Hilfe von den USA? Mahlzeit! Sind zerbombte Städte eine Hilfe? Und wäre verstrahltes Land ein anzustrebendes Kriegsziel? Außerdem bräuchte Polutkin nur den Gashahn zuzudrehen. Schon bräche in Europa alles zusammen. Auch die Moral.
Dann die immer mal wieder auftauchendenden Gerüchte über einen bevorstehenden Weltuntergang durch absichtlich von höheren Mächten in Marsch gesetzte Kometen. Er glaubte nicht an geheime Mächte. Die realen waren bedrohlich genug! Garsson schüttelte alle Untergangsszenarien ab, schaltete seinen Discman ein und pfiff dem Hund. Im Kopfhörer natürlich sein Lieblings-Oldie von der DDR-Gruppe „Karat“: „Über sieben Brücken…“

Seite 8 bis 10
(Shintoismus)
Ende 2020, Japan, Hauptinsel Honshu
Seit Einführung des Buddhismus (552 n.Chr.) hatten die Japaner über Jahrhunderte ihren eigenen, einen typisch japanisch geprägten Modus entwickelt. Eigentlich ist es mehr eine konfuzianisch/buddhistisch orientierte Philosophie. Die lebensspendende Sonne, das Wasser, die Umwelt, alles, wovon der Mensch lebt und natürlich die Ahnen, ohne die man nicht auf der Welt wäre, sind die Grundlage. Bezeichnen wir es ruhig als „Staatsglauben der Japaner“. Sie nannten ihn „Kami no michi“, den „Weg der Gottheiten“, auch als Schintoismus bekannt.
Ursprung ist also die Verehrung der Sonne und der Umwelt und der Natur, gefolgt von den jeweiligen Haupt-Gottheiten der Klans. Menschliches Oberhaupt dieses Kultes ist der „himmlische Herrscher“ der obersten Dynastie, der Tenno. Die Ahnen sind allgegenwärtig und werden in den Schreinen verehrt, die in Japan den gleichen Stellenwert wie anderswo Moscheen oder sonstige Gotteshäuser innehaben. Sonne, Natur, die Ahnen. Jeder trägt ihnen gegenüber Verantwortung für alles! Der Einzelne gilt nichts. Es ist in Ameisen-Volk.
Die Millionenstadt Kobe beherbergt zwei namhafte Universitäten. Eine davon wurde sogar nach ihrem berühmtesten Sohn, dem Neuro-Kybernetiker und Nobelpreisträger Hosamoto benannt.
Die Kirschen treiben aus und trotz einer bedrückenden Weltlage beherrscht eine sentimentale Romantik die Grundstimmung im Lande.
Professor Hosamoto, von seinen Mitstreitern kurz Ho San genannt, war nicht nur der Leiter der Neuro-Kybernetik. Ihm unterstanden alle zukunftsweisenden Forschungsprojekte, die sich mit Kleinst-Techniken der Kampfesführung beschäftigten, wie Mikro-Nachtsichttechnik, Mikro-Kommunikation, Mikro-Waffentechnik. Und Raumfahrttechnik! Das typisch japanische Ziel: Einen Kämpfer optimal mit allem Notwendigen ausstatten. Dazu gehört auch eine mentale Prägung, wie sie eigentlich nur in jahrelangen Exerzitien erreicht werden kann. Aber dafür reichte die Zeit nicht mehr. Also entwickelte Ho San einen komprimierten Crashkurs. Darin wurde den Teilnehmern ein theoretisch-moralisches Rückgrat eingeimpft. Erfolgreiche Absolventen nannte Ho San liebevoll seine „Ameisenkönige“, denn sie lebten hinfort nach dem Gesetz eines Ameisenvolkes: Jeder ist ein Spezialist. Jeder Spezialist führt seine Aufgabe kompromisslos zu Ende. Das Einzige, was zählt, ist die Erhaltung der Art.
Dieses Programm standen nicht viele durch. Aber einige wenige, Männer wie Frauen, schafften es doch. Ho San war zufrieden. Heute, am Tag des Mondwechsels, sollten sie ihrer Bestimmung übergeben werden.
Vorher jedoch galt es noch eine Zeremonie zu begehen. Auch sie war Teil des Großen Plans.
In einem Nebengelass gibt es seit Bestehen dieser Universität einen Schrein, der jedem zugänglich ist, der den Weg der Götter achtet. In diesem Schrein waren die acht Absolventen der letzten Unterweisung, wie Ho San seinen Kurs nannte, versammelt. Unter anderem der in Deutschland geborene Physiker und Kampfjet-Pilot Garsson und eine stets freundliche und sehr attraktive Blondine, die Finnin Alka, eine hochqualifizierte Biologin.
Nachdem Ruhe eingekehrt war, gab Hosamoto das Zeichen. Ein Priester in weißem Gewand mit schwarzer Kopfbedeckung trat vor, die zwei Letztgenannten ebenfalls. Diese knieten sich vor einem niedrigen länglichen Tischchen nieder. Darauf standen drei Trinkschalen und an den Enden qualmten Gestecke mit Räucherstäbchen.
Der Priester goss Sake in die Schalen und segnete diese. Dann gab er jede der drei Schalen zuerst an Garsson, der nahm aus jeder drei kleine Schluck und reichte sie an Alka weiter. Diese nahm ebenfalls je drei kleine Schluck und stellte das Schälchen auf das Tischchen zurück. Diese Prozedur wurde mit jeder Schale in gemessener Weise, ohne Hast und in andächtiger Schweigsamkeit vollzogen.
Nachdem Alka die dritte Schale zurückgestellt hatte, segnete der Priester einen Kirschzweig und legte ihn auf einen Opferquader im hinteren Raum des Schreines zu einem Arrangement von kleinen Köstlichkeiten, einem Festmahl. Dann gab er Hosamoto ein unscheinbares Zeichen. Dieser trat freudig vor und warf eine Handvoll Reis über die Knieenden, dann umarmte er sie. Eine für einen Japaner überschäumende Gefühlsäußerung.
Alka aus Finnland und Garsson aus Deutschland waren verheiratet.
Sie waren bereit für den Weg der Götter. Den drei anderen Paaren widerfuhr das Gleiche.

Für einen Moment „griffen sie nach der ganzen Welt“.Seite 25 bis 29
(Ameisenstaat und Kampf)
Weiter ging es in gewohntem Gänsemarsch. Garsson wie immer als Letzter, wie ein Lokführer den Treck von hinten leitend. Nur wenn sie unbekannte Routen wählten, übernahm Algo, mit neun Jahren der Älteste, die Spitze und seine Geschwister folgten ohne Murren. Disziplin ist elementares Bestandteil des Ameisenlebens. Diese Kinder spürten schon, dass sie etwas Besonderes waren, ahnten jedoch nicht, dass unter anderem auf ihnen die Hoffnung der Menschheit ruhte. Dieses Wissen würde nur belasten. Garsson würde es ihnen erklären, wenn die Zeit dafür reif war.
Die Gruppe bewegte sich zielstrebig voran. Es ging an den in einem tiefen Tal gelegenen Forellenteichen vorbei immer seitlich am Kamm entlang, bis der Weg sich teilte. Rechts führte er zu einer Champignonwiese und weiter zu einem Hochwald. Dessen Baumwipfel sahen aus wie verkohlte Brokkoliröschen, die zu spät aus dem Backofen genommen worden waren. Der Gluthauch war darüber hinweg gefaucht, hatte die Stämme aber nicht erfasst. Sie lebten und trieben seitlich bereits wieder aus. Wunder der Natur.
Heute jedoch lenkte Garsson seine Truppe nach links in ein Nadelwaldrevier, wo es im Herbst Hexenröhrlinge und Maronen gab, aber auch Kiefernsteinpilze und andere Röhrlinge. Sie mussten nicht sehr weit laufen, bis sich am Wegesrand ein fast einen Meter hoher wimmelnder brauner Haufen fand, wie ein lebender nach oben abgerundeter Kegel. Rote Waldameisen. „Geht noch nicht so nah heran! Erst betrachtet genau die Umgebung des Haufens. Fällt euch was auf?“
Areike kratzte sich bereits an Armen und Beinen, als hätte ihr das Gewimmel einen Juckreiz beschert. Betson umrundete wie ein Indianer auf Spurensuche den Haufen, während Algo, als großer Bruder ganz cool, neben Garsson stehen geblieben war, als sei ihm die Sache längst bekannt.
„Na?“, ermunterte dieser die Drei, „schaut genau hin! Was fällt euch auf?“
Nun erklärte er ihnen die Umgebung des Haufens, wies auf die Verkehrsordnung der Ameisen hin. Das war kein planloses Gewimmel, sondern sie benutzten richtige Pfade, es gab reibungslosen Gegenverkehr und manche schleppten größere Objekte zu zweit oder gar zu viert, falls nötig. Ein nicht Enden wollender Strom Versorgungsgütern hinein in den Haufen und Entsorgungsfracht beziehungsweise Leertransport hinaus.
„Die sind unterschiedlich groß!“, stellte Betson fest. „Richtig. Klasse!“, freute sich Garsson. „Ameisen sind organisiert. Manche sind einfache Arbeiter, die rennen und schleppen den ganzen Tag oder bauen am Nest, ihr werdet sehen. Andere sind Kundschafter, so wie Algo, der vorausgeht. Sie suchen nach Nahrung. Haben sie etwas gefunden, rennen sie zurück und markieren dabei den Weg mit kleinen Duftmarken. Im Bau geben sie ein Signal, manchmal auch eine Nahrungsprobe und ihre Wegemarkierung bekannt. Darauf rennen dann die Arbeiter los und machen ihren Job. Manchmal aber müssen erst die Krieger ran. Die haben größere Zangen und sind kräftiger, falls mal eine Beute zerteilt werden muss oder andere Ameisen abgewehrt werden müssen. Das alles steuern sie mit Duftmarken und Zeichensprache. Passt mal auf!“
Er nahm einen Stock und grub damit ein faustgroßes Loch in den Haufen. Sofort gab es ein scheinbares Gewimmel aus dem Inneren heraus. Krieger stürzten nach vorn und spritzten mit Säure, um Angreifer, wie Vögel oder Igel anzuwehren. Erst nach einer Weile beruhigte sich das Geschehen und jetzt kamen die Arbeiter und Architekten zum Einsatz, den Schaden zu reparieren. Allerdings blieben die Krieger in Abwehrbereitschaft.
Garsson nahm einen größeren Stock und legte damit das Innere des Baus frei. Weiße Larven und eine unförmige gelblichweiße Riesenameise waren dort zu sehen.
„Das sind die Eier, aus denen dann Ameisen schlüpfen. Die dicke dort, das ist die Königin. Sie legt nur noch Eier, immer nur Eier. Und sie steuert das Volk mit ihrem speziellen Duft. Wenn sie keine Eier mehr legen kann, stirbt das Volk. Oder eine neue Königin wird gewählt. Dann geht das Ganze von vorne los.“
Die Kinder waren fasziniert. Areike beschwerte sich, dass Garsson den Haufen zerstört habe. Er beruhigte sie. Die Baumeister würden den Schaden bis morgen früh repariert haben.
„Die Königin haben wir gesehen,“ bestätigte Betson, „aber wo ist der König?“
„Gute Frage! Es gibt keinen. Aber wenn eine neue Königin gewählt wird, braucht sie für kurze Zeit einen Mann. Der wird von den Kriegern ausgewählt und ist dann für einen Tag der König.“
„Ooch, nur für einen Tag?“
„Ja, nur für einen Tag!“
Mareike fand das „… aber traurig“, und machte ihren Schmollmund. Doch Garsson beruhigte sie: „Schau dir mal die Ameisen genau an! Ist da eine Einzige traurig?“
Über wie viel Brücken…?
Die Dieße hatte sich tief in den lehmigen Grund gefressen. Um sie zu durchqueren, mussten sie einen steilen Hang hinunter, dann durch das knöcheltiefe kiesige Bachbett und an der anderen Seite wie hinaufkraxeln, aber das hinderte sie nicht. Garsson wollte noch zum Wildschweinwald, die Fallen überprüfen, die er dort aufgestellt hatte.
Kurz, bevor sie die Wiese vor der Straße nach Fredelsloh überquerten, zischte Algo scharf und alle lagen wie vom Blitz getroffen hinter dem knietiefen Grassaum des Ufers in Deckung. Die Kinder waren gut trainiert. Garsson nahm das mit Befriedigung zur Kenntnis.
„Nicht bewegen!“, raunte er ihnen zu.
Auf der Straße kam ein Trupp abgerissener Kerle marschiert. Sie sahen relativ gut ernährt aus, zwei trugen Gewehre. Jeder hatte ein Messer am Gürtel. Sie bewegten sich wie selbstverständlich, schienen sich zu amüsieren und lachten roh über irgendeinen Witz. Sie benahmen sich wie alkoholisierte Herren in ihrem Revier. In Garsson arbeitete es. Plötzlich sah er Enka, die Tochter einer Nachbarsfamilie, mit einem klapprigen Fahrrad mühsam den Anstieg nach Fredelsloh hinaufstrampeln. Sie bemerkte die Horde zu spät. Man sah die Gruppe mit Enka sprechen, dann griff einer nach ihrem Fahrrad und hielt es fest. Enka stürzte, kreischte und rappelte sich hektisch auf und wollte zurück ins Dorf fliehen. Sie schaffte nur wenige Meter. Zwei Kerle schleppten sie auf die Wiese unterhalb der Straße und hielten sie fest. „KeinTon!“, zischte Garsson seinen Kindern zu, dann verschwand er im Bachbett, das sich in einem großen Bogen bergauf schlängelte unter der Straße hindurch bis in die Wildschweinberge. Die Kinder sahen ihn erst wieder, als er plötzlich offen die Straße entlang aus Richtung Fredelsloh dahinschlenderte. Dann hatte er die Gruppe und das sich windende im Diskant kreischende Mädchen erreicht. Es war zu weit weg, um Einzelheiten des Gespräches mitzuhören. Sie sahen nur, dass Garsson mit den Männern sprach. Die lachten lauthals, während zwei das Mädel hielten und einer, wohl der Anführer, seine Hose öffnete und „blank zog“, wie das im Jargon hieß. Er genoss offensichtlich das Entsetzen des Mädchens, dann näherte er sich in kleinen Schritten. Enkas Stimme überschlug sich im Diskant. Gerade spreizten sie zu dritt ihre Beine, um sie dem Anführer zu präsentieren. Areike Hände krampften sich in das Moos und sie wimmerte vor Mitleid, aber Algos Hand beruhigte sie. Ihr Vater schien nur mit den Schultern zu zucken und sich im Halbkreis zu drehen, als wolle er seinen Weg fortsetzen. Plötzlich sackten drei Gestalten leblos zusammen. Ho Sans Wurfsterne waren unübertrefflich! Der Anführer wollte sich mit wütendem Gebrüll auf Garsson stürzen, ein Kurzschwert in der Hand. Dieser fasste sich ans Knie und blieb so gebeugt stehen und ließ den Angreifer mit einer Körpertäuschung ins Leere taumeln, eine schnelle Bewegung wie ein Uppercut und der Angreifer stolperte noch zwei Schritte an ihm vorbei und sackte zusammen. Garsson trat zu ihm, zog etwas Langes aus seinem Körper und wischte es im Gras sauber. Dann barg er Enka, half ihr, die Kleidung zu richten und winkte seinen Kindern zu. „Alles klar! Ihr könnt kommen!“ Nebenbei rastete er seine konvex geformte Schienbeinklinge mit sicherem Griff in die Schnapphalterung unterhalb seines rechten Knies. Noch ein Meisterwerk aus Japan, dieses körpergerecht geformte Bajonett, das anstelle einer Blutrinne die schienbeingerechte Hohlform hatte. Man konnte damit stahlharte Tritte verteilen oder es mit kurzem Ruck aus der Halterung lupfen, um es als Wurf- oder Stichwaffe zu verwenden.
Enka zitterte am ganzen Leibe und war keiner Reaktion fähig. Algo führte ihr Fahrrad. Schweigend und etwas käsig im Gesicht bewegten sie sich langsam ins Dorf. Die Kinder standen unter Schock. Zum einen ob des rohen Übergriffs auf Enka, die sie sehr gut kannten. Zum Glück war ihr das Schlimmste erspart geblieben. Zu anderen aber wegen der katzenhaft schnellen und gnadenlosen Aktion, zu der sich Garsson genötigt sah. Es gefiel ihm nicht, denn nun war es raus. Seine Fähigkeiten würden in der Gerüchteküche einen Ehrenplatz bekommen. Aber hätte er zuschauen sollen, wie alkoholisierte Marodeure über die gerade vierzehnjährige Enka herfielen und sich an ihr delektierten?
Ihren Vater derart zu erleben, das war die zweite Brücke, über die seine Kinder gehen mussten.
Rezension
Rezension von Walter Kiefl:


In seinem neuesten Roman „Der Weg der Götter“ stellt Gerhard Ludwig ein erschreckendes, aber keineswegs unwahrscheinliches Szenario der näheren Zukunft vor: Für das Jahr 2036 wird die Ankunft eines großen Asteroiden erwartet, der mit hoher Wahrscheinlichkeit die ohnehin durch Klimawandel und fortschreitende Umweltzerstörung schwer angeschlagene Erde so treffen wird, dass es dort kaum noch Chancen für den Fortbestand höherer Lebensformen gibt. Die 2018 von Vertretern mächtiger Organisationen gegründete „Human Life Foundation“ (HLF) hat sich zum Ziel gesetzt, geeignete Exemplare der Spezies Mensch auf einen fernen Planeten zu evakuieren, um so das Überleben der Art zu sichern. Einer der Auserwählten ist der Kampfpilot Enno Garsson. Mit seinem in Japan modifizierten Körper, dem mentalen Unterbau des Shintoismus und mit neuartigen und höchst effektiven Waffen ausgerüstet soll er zusammen mit anderen den Grundstock für eine neue Menschheit bilden. Zunächst gilt es jedoch, sich und seine drei Kinder unbeschadet durch eine schwierige, von wirtschaftlichen und sozialen Problemen, Kriegsauswirkungen, hoher Kriminalität und dem Zusammenbruch von grundlegenden Werten und Normen heimgesuchte Zeit zu bringen. Dies gelingt ihm zwar, doch kann er seiner Familie und einigen Freunden traumatische Erfahrungen nicht ersparen. Schließlich verlassen die Kinder die dem Untergang geweihte Erde, während auf ihn – wie auf den Rest der Bevölkerung – der Einschlag des Kometen und das Ende der Welt wartet.

Das Erschreckende an Ludwigs Buch ist, dass es sich dabei um keine grausige Science-Fiction-Phantasie handelt, sondern um ein prinzipiell jederzeit mögliches Geschehen. Seit einigen Jahren weiß man, dass der Zusammenstoß der Erde mit einem größeren Himmelkörper keinesfalls so unwahrscheinlich ist, wie lange vermutet wurde. Einschläge in der Vergangenheit, so z.B. im Golf von Mexico, im Nördlinger Ries oder die Tunguska-Katastrophe von 1908 lassen ahnen, was solche Ereignisse für die Erde und das Leben auf ihr bedeuten können. Es tröstet wenig, dass man jetzt allmählich nachzudenken beginnt, wie derartigen Bedrohungen begegnet werden könnte. Auch wenn es nicht ausgeschlossen ist, dass effektive und praktikable technische Lösung gefunden werden, bleibt doch aufgrund der bisherigen Erfahrungen des Umgangs mit globalen Umweltproblemen (einschließlich der Bevölkerungsexplosion) zu fürchten, dass es sehr lange dauern wird, bis das destruktive Stadium national, ideologisch und religiös motivierter Empfindlichkeiten und gegenseitiger Schuldzuschreibungen überwunden ist.

Dies wird auch im „Weg der Götter“ nicht klagend, sondern – der aktuellen und wohl auch zukünftigen Verfassung der Menschen bzw. Gesellschaft entsprechend – ironisch dargestellt, aber leider nur beiläufig. Dies trifft auch für die aufmerksamen Lesern vertraut vorkommenden Beschwichtigungs-, Bagatellisierungs- und Beschönigungsversuche der Regierenden und ihrer Medien zu. Diese Feststellung der Beiläufigkeit ist kein Vorwurf, sondern drückt nur das Bedauern darüber aus, dass das Lesepublikum nicht mehr vom satirischen Talent des Autors genießen kann. Aber andererseits ist gerade die knappe und klare, sich auf das Wesentliche beschränkende und auf alles Überflüssige (wie z.B. die üblichen und den Handlungsfortgang störenden Beziehungs- und Bettgeschichten) verzichtende Darstellung eine der großen Stärken dieser ebenso packenden wie deprimierenden Erzählung. Ludwig versteht es wie nur wenige, nicht nur eine Vielzahl von Informationen in ein kompaktes Buch hineinzupacken, sondern auch, nur allzu bereitwillig verdrängte Ängste und Einsichten so zu vermitteln, dass es schwer fällt, wieder in die gewohnte Welt der täglich massenmedial vermittelten Banalitäten zurückzukehren.

Manche Leser und vor allem Leserinnen könnten sich an einigen grausamen Szenen stören, in welchen sich der Protagonist entschlossen und erfolgreich gegen die Übergriffe marodierender Banden und krimineller Einzelner wehrt. Das ist verständlich, schreckt der Autor doch nicht davor zurück, mit der seit der Aufklärung gepflegten und daher liebgewordenen Illusion der im Kern guten, rationalen und solidarischen Natur des Menschen zu brechen und ein realistisches Bild vom Sozialverhalten in einem untergehenden Ordnungsgefüge zu skizzieren. Enno Garsson ist kein wendiger Weltmann, kein feiger Konformist und kein idealistischer Träumer, aber auch kein streitlustiger Gewalttäter, sondern ein verantwortungsvoller Vater und disziplinierter Kämpfer, dem das Schicksal seiner Kinder und Freunde, die Bewahrung der eigenen Integrität und die Erfüllung der von ihm eingegangenen Verpflichtung am Herzen liegt. Und er sieht die Welt realistisch, wenn er z.B. feststellt, dass Führung notwendig ist, denn die Menschen hätten die Eigenschaft von Gasen, indem sie „immer den Raum einnehmen, den man ihnen gibt.“ Dieses Zitat bringt die Ursache aller gesellschaftlichen Fehlentwicklungen auf den Punkt, denn die Erdenbewohner sind aufgrund ihrer ungebremsten und unreflektierten Aggressions- und Expansionslust, ihrer Eitelkeit, Habgier und Raffsucht und ihrer Manipulierbarkeit sowie des sich daraus ergebenden destruktiven Wirtschaftssystems nicht in der Lage, den Planeten durch vorausschauende Selbstbeschränkung zu einem behaglichen Ort für alle zu machen. Weil sie das nicht können, scheint der Weg in den Abgrund auch ohne den Asteroiden (der das Ende nur beschleunigt) unausweichlich, doch will sich Garsson um seiner Kinder und um des großen Planes der HFL willen damit nicht abfinden. Insofern vermittelt die Geschichte trotz ihres bedrückenden Hintergrundes auch Hoffnung, zeigt sie doch, dass es selbst unter chaotischen Bedingungen möglich ist, das für richtig Erkannte durchzusetzen und den Anvertrauten Treue zu bewahren. Enno Garsons bedingungslose Orientierung an oft als überlebt angesehenen Tugenden wie Treue und Disziplin lässt ihn ungeachtet seiner modernen Implantate und seiner vom Schintoismus geformten Geisteshaltung und trotz der Kargheit der Charakterisierung als aufrichtige, mitfühlende und unbedingt verlässliche Lichtgestalt und als Orientierungspunkt in einer sich in jeder Richtung auflösenden Welt erscheinen.

Alles in allem handelt es sich beim „Weg der Götter“ um ein trauriges, aufrüttelndes, kenntnisreiches, nachdenklich machendes, spannendes und vor allem gut geschriebenes Buch, das wohl niemanden unbeteiligt zurück lässt, zumal im Anhang noch auf die Möglichkeit von Kollisionen zwischen der Erde und Asteroiden und auf einige Auswirkungen solcher Begegnungen eingegangen wird, so dass das gespenstische Szenario nicht mehr als interessante Fiktion abgetan werden kann.

Klappentext

Enno Garsson nimmt an einem Notprogramm der Menschheit teil. Mit seinem in Japan modifizierten Körper, ausgestattet mit genialen Waffen und dem mentalen Unterbau des Shintoismus, bildet er mit wenigen Auserwählten den Grundstock für eine neue Menschheit.
Die Zeit drängt, denn im Jahre 2036 soll ein gigantischer Asteroid die Erde verwüsten. Bis dahin gilt es, seine drei Kinder wohlbehalten auf den Abflug zum Planeten Zulu vorzubereiten.
Kurzsichtige Energiewirtschaft, fehlgeleitete Machtpolitik und menschliche Abgründe bilden das beschwerliche Terrain seines mühevollen Weges. Aber Garsson ist ein Ameisenkönig.
Er kennt nur ein Ziel: Den Erhalt seiner Art!

Dass die Erzählung von Gerhard Ludwig auf einer durchaus realistischen Grundlage beruht, macht der abschließende Beitrag von Walter Kiefl deutlich.