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Die sieben Todsünden

Autor:
Gudrun Strüber
Verlag:
Fabuloso Verlag
Erscheinungsjahr:
2020
Sonstiges:

Hardcover
Preis: 9,80 €
ISBN 978-3-945346-82-2
Illustrationen: Aquarelle von Marianne Voß

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Leseprobe
5. Kapitel Das zornige Mädchen

Diese friedfertigen Menschen ärgern mich durch ihre Friedfertigkeit. Ich kann, soviel ich will, zerstören – ich werde getröstet. Ich kann schreien und um mich schlagen – man versucht, mich zu verstehen. Ich weigere mich zu arbeiten – dann fragen sie, ob ich krank bin.

Alles nur butterweich und nicht zu fassen. Ich bin auch eine Hopi, aber Mutter war eine Lakota-Indianerin von den großen Seen. Ich liebe den Kampf. Ich, ich, ich will keine Hopi sein!

Seit ich lebe, muss ich mir diese friedlichen Gedanken anhören.

Erst gestern wieder habe ich meiner Ziehschwester den Kübel mit Wasser über den Kopf geschüttet. Sie nahm mich in den Arm und tröstete mich! MICH!

Sie denken, ich will sie provozieren, damit sie mich gehen lassen und ich zu den Lakota gehen kann. Das ist aber nicht der Fall, denn dort würde es für mich als Mädchen oder später als Frau keine Freiheit geben. Dort bestimmen die Männer alles und jedes.

Nein, ich will frei sein und machen, was ich will! Meine Stimme ist gut trainiert Wenn ich brülle, zittert der Wald. Aus dem Pueblo des Ältesten kommen drei Männer zu mir. Na, was haben denn die wieder mit mir vor? An ihren Gesichtern kann ich nichts ablesen, die sind wie immer bei wichtigen Angelegenheiten undurch­sichtig, nur die Augen brennen in dunkler Erregung. Sie bleiben vor mir stehen. Ich rühre mich nicht. Der Älteste setzt zum Reden an, aber einer der anderen stampft mit seiner Zeremonienlanze auf den Boden und befiehlt mir: „Steh auf, wenn wir mit dir reden wollen!“

Langsam und provozierend stehe ich auf und sehe dem Sprecher keck ins Gesicht. Ich weiß, dass das verboten ist, aber ich tue es trotzdem.

Nun beginnt der Grauhaarige: „Die Ältesten haben beschlossen, dich aus dem Stamm auszuschließen. Du hast lange genug Zeit gehabt, dich unseren Gepflogenheiten anzupassen. Weil dein Vater, mein Bruder, uns deine Mutter und dich bei seinem Tod anvertraut hatte und deine Mutter nun auch gestorben ist, haben wir beschlossen, dir noch eine Chance zu geben. Morgen gehst du mit den Frauen in den Wald. Auf dem heiligen Hügel werdet ihr eine Schwitzhütte bauen, und wenn sie fertig ist, drei Tage und Nächte darin zubringen.“ Wenn du dadurch einsichtiger geworden bist, kannst du bleiben. Aber wenn du weiter so leben willst wie bisher, muß du dir einen anderen Stamm suchen.

Ich will schon meine Ansicht darüber sagen, aber der Älteste winkt nur mit der Hand nach Ruhe, dreht sich um und geht. Die beiden anderen folgen ihm sofort. Ich meine, ein mitleidiges Lächeln in ihren Augen zu sehen. Das Ge­sicht ist sonst ohne Ausdruck.

Zur Alten Weisen soll ich am Abend kommen. Na, das wollen wir doch mal sehen. Ich bleibe in meinem Raum. Die Alte kann ja keine Leiter mehr klettern. Sie kann mich nicht holen. Als ich zum abendlichen Essen an der Feuerstelle erschei­ne, wird mir kein Platz gemacht. Im Gegenteil, der Kreis der Sitzenden ist eng geschlossen. Als ich die Frauen meiner Familie anrede, wird mir nicht geantwortet. Niemand redet mit mir! „Verdammt noch mal, ich will ans Essen.“ Keine Reaktion. Nein, Betteln tue ich nicht. Ich gehe. Ich gehe zu den Gemüsebeeten und will mir etwas Mais und Rüben holen, aber die Gärtnerin jagt mich fort. Nun fällt mir ein, dass noch Trockenfleisch für den Wintervorrat an der Luft zum Trocknen aufgehängt ist. Bei den Stangen mit Fleisch erwarten mich mehrere junge Frauen mit Gerten. Sie schlagen auch kräftig zu, als ich mir ein Stück nehmen will.

Ich zähle nicht mehr zu den Kindern, könnte sogar schon verheiratet werden, aber nun kommt das zornige Kind zum Vorschein. Ach was, Hunger – ich kann auch so schlafen. Jedenfalls versuche ich es.

Im Traum sehe ich meine verstorbene Mutter. Sie bewegt die Lippen, aber ich kann nichts hören. Ich achte auf ihre Hände und hoffe, dass sie die Zeichensprache der Lakota benutzt. Ja, ich kann entziffern, was sie sagen will: „Die Schwitzhütte ist ein Ort, an dem wir Frauen uns erinnern, dass wir seit Anbeginn der menschlichen Entwicklung Leben schenken und verwehren können. Sie ist der Schoß von Mutter Erde, in dem wir uns auf unsere weiblichen Kräfte besinnen, uns mit der weiblichen Ahnenlinie verbinden und lernen, uns selbst zu ehren.“

Als ich diesen alten Satz, der von der Weißen Büffelfrau überliefert ist, verstanden habe, verblasst die Gestalt meiner Mutter. Nun bin ich wach, aber wie gelähmt. Ich kann nicht aufstehen und mir jetzt in der Nacht etwas zu essen holen. „Was haben die mit mir gemacht?“ Voller Wut strampele ich meine Decke von mir, aber ich kann immer noch nicht aufstehen. Und frieren tue ich nun auch noch, denn die Decke ist auf den Boden gefallen und somit unerreichbar für mich. Mir fällt kein Schimpf­wort ein, das für diese Bande von Zauberpriestern und Schamanen passend wäre.

Meine Mutter erzählte mir, bevor sie starb, dass es vor langer Zeit bei den Lakota-Indianern Nordamerikas, einem Unterstamm der Dakota, die Weiße Büffelfrau erschienen war und ihre Weissagungen verkündet hatte, welche bis heute das spirituelle Leben vieler Indianerstämme bestimmt und grundlegend für die „Sieben heiligen Riten“ der Indianer verantwortlich ist und von vielen Indianerstämmen praktiziert wird. Auch hier bei den Hopis. Sie glaubte daran, aber ich zweifelte. „Die hatten wohl zu viel Kokablätter gekaut oder Rauschpilze gegessen.“ Mutter war sehr traurig über diese Einstellung von mir, aber sie konnte mich nicht mehr überzeugen, da sie bald darauf starb. Ich war sehr betrübt und fühlte mich allein gelassen. Ich gab dem frühen Tod meiner Mutter alle Schuld an meinem verkorksten Dasein und bin auch heute noch davon überzeugt. Ich weiß nicht, wohin ich gehöre, irgendwie weiß ich auch nicht, wer ich bin und was meine Aufgabe ist. Angeblich hat jeder Mensch eine Aufgabe, aber mich hat keiner gefragt, ob ich sie will! „Ich will nicht, niemals, nie!“, auch wenn die Ältesten immer so klug daherreden, dass jeder … „Neiiiiin!“

Nun muss ich doch eingeschlafen sein, denn die Morgensonne weckt mich aus einem glücklichen Schlaf. Ich räkele mich noch ein wenig und denke an den Traum. Eine weiße Stadt, Feuer und Rauch, dann eine heiße Welt und Schmerz. Ein kleines Mädchen, das nach mir ruft. Mir ist kalt bis auf die Knochen. Dann denke ich, dass ich ja heute mit auf die heilige Mesa gehen soll. Ich weiß, dass da keine Ausrede zieht und erhebe mich nun. Ich klettere die Leiter hoch und sehe auf dem Sammelplatz mehrere Frauen, die anscheinend nur auf mich warten. Na, ja, die drei Tage gehen auch vorüber. Mir wird ein großes Bündel für den Transport zugewiesen und schon geht’s los. Schön eine hinter der anderen her. Erst bis zum Rand der Mesa und dann darüber hinaus und runter, dann durch den Canyon zur heiligen Mesa. An der kleinen Quelle vor dem Tafelberg erfrischen wir uns kurz, dann geht es bergauf. Da ich noch nie auf der Heiligen Mesa war, weiß ich nicht, wie weit der Weg sein wird. Menschen sehen wir auf dem Weg nicht. Die Sonne brennt. Es scheint noch ein Gewitter zu geben. Mir soll´s recht sein, ist eh alles egal.

Die Frauen sind sehr still. Sonst schwatzen sie ununterbrochen. Das ist heute unheimlich. Mein Magen knurrt. Ist ja auch außer Wasser nichts drin. Hin und wieder sehe ich essbare Pflanzen am Weg, die ich dann eilig pflücke und esse. Es ist wenig, aber besser als nichts. Auch ein paar reife Nüsse finde ich. Bei den Pilzen halte ich mich zurück, da ich weiß, dass einige nicht roh gegessen werden können.

Bald überschreiten wir die Grenze zum heiligen Bereich. Aus ist es nun mit den kleinen Genüssen. In der Mitte ist ein freier planierter Platz und in der Mitte eine Mulde. In der Nähe lagern mehrere große Stangen aus dem Holz der Spießtannen. Die werden nun geholt. Auch ich muss mit. Es ist wie eine Erlösung, als mir das gesagt wird, denn das sind die ersten Worte seit gestern, die an mich gerichtet werden. Meine erste Schwitzhüttenzeremonie! Ich bin gespannt, aber auch skeptisch auf das, was da kommen soll. Wenn das nur wieder Hokuspokus der Medizinmänner ist? Aber nein, die haben nichts zu sagen, wenn die Weise Alte etwas anordnet. Meine Unsicherheit kribbelt in mir. Ich möchte platzen vor Wut und traue mich doch nicht. Die Stangen werden in die Erde gerammt und oben miteinander verbunden. Darauf werden die mitgebrachten Felle gelegt und mit Grassoden abgedichtet. Nur ein ganz kleiner ebenerdiger Eingang wird gelassen. Wir benötigen den ganzen Tag zum bauen. Am Abend sitzen wir in Sichtweite der Schwitzhütte und essen einige Kräuter und Beeren. Es gibt kein Fleisch und auch kein Brot. Wasser zum Trinken und Waschen ist genügend an einer kleinen Quelle zu bekommen. Als der Mond aufgeht, wickeln wir uns in unsere Decken und sollen schlafen.

Der Mond begleitet mich durch meine Träume. Über einer weißen Stadt scheint er und dann auch über einem großen Fluss. Ich träume von Schmerzen im Herzen und einem großen See. Eine Aufgabe scheint auf mich zu warten. Dann endet der Traum. Ich schlafe unruhig. Am Morgen beim Sonnenaufgang möchte ich noch gern weiterträumen, um zu erfahren, welche Aufgabe auf mich wartet, aber ich werde sehr unsanft zur Schwitzhütte gezerrt. Große glatte Steine werden in ein Feuer gelegt, und wenn sie heiß sind, mit Hilfe von Holzstöcken in die Hüte getragen. Mehrmals verbrenne ich mir durch meine Unge­schicklichkeit meine Hände und Arme. Als mich eine der Frauen aus Versehen anrempelt, verliere ich die Geduld und schreie meinen Frust hinaus. Dieses ganze Tun kommt mir auf einmal widerlich und dumm vor. Ich setze mich knurrend hinter die Hütte und komme auch nicht wieder nach vorn, als die Sprecherin, sie ist die Schwester meines verstorbenen Vaters, mich darum bittet. Ich will auch nicht drei Tage und Nächte in dieser Hütte verbringen, egal was der Medizinmann dazu sagt. Ich will nicht! Ich will einfach nicht! Was habe ich an Möglichkeiten: weglaufen – ja aber wohin? Die Hütte umstürzen? Dazu fehlt mir die Kraft. Einfach hier sitzen bleiben, ist auch keine Lösung.

Ich schleiche mich davon. Im Gehen und Laufen kommen mir oft gute Ideen. An der Kante der Mesa orientiere ich mich und will die Fläche in der Höhe umrunden. Mit einem Stock schlage ich um mich. Einfach so, ich treffe Büsche und Blumen, verscheuche mit dem Krach auch kleine Tiere. Dass hier auch großes Wild sein könnte, kommt mir nicht in den Sinn. Vor mich hinbrummend und grummelnd ziehe ich meine Runde. Wut, Zorn und Rache für das, was ich erlebe, bestimmt mein Handeln. Ich sinne mir Strafen aus und merke nicht, dass ich mich schon weit von der Hütte entfernt habe. Mein Stöckchen ist mir auf einmal auch nicht genug. Ich schaue nach einer stabileren Waffe aus, aber hier sind keine Büsche mehr und schon gar keine Bäume. Na und … Jetzt befinde ich mich an der Nordseite der Platte. Sie liegt etwas tiefer. Hier ist es schattig und kühl. An einen großen Felsbrocken gelehnt, ruhe ich mich aus. Ich spüre, ich bin in der Körpermitte wie verkrampft. Hin und wieder durchzuckt mich der Gedanke an die Unsinnigkeit meines Tuns. Kann ich nicht einfach meinen Zorn besänftigen. „Neiiiin kann ich nicht!“ Mein Schrei hallt durch den Canyon. Das Echo trifft mich. Unwillig schüttele ich den Kopf. Das Lied meiner Mutter kommt mir in den Sinn. Leise beginne ich. Ich suche den richtigen Ton. Den Rhythmus klopfe ich mit einem Kiesel an den Felsen. Langsam steigere ich die Lautstärke, bis ich fast brüllend den Refrain singe. Mutter hat ihr Heimweh nach den großen Seen mit diesem Lied bekämpft.

Hinter mir höre ich ein Rascheln. Sie werden mich suchen. Aber wenn ich hier so laut singe, brauchen sie sich doch nicht anschleichen. Dann auf einmal ein Fauchen und gleichzeitig ein schwarzer Schatten über mir. Mir bleibt kein Gedanke mehr an Flucht oder Angst. Die große Tatze in meinem Gesicht löscht alle Gedanken. Das Knacken der Knochen nehme ich nicht mehr wahr. Der letzte Eindruck ist der Raubtiergeruch. Dann ist es dunkel um mich her. Von weit oben sehe ich mich bei dem Felsen liegen und wie der Berglöwe versucht, mich in seine Höhle zwischen den Felsen zu ziehen. Soweit hat mein Zorn mich also gebracht.

„Mutter hilf!“
Rezension
„Die sieben Todsünden“ von Gudrun Strüber

Rezension von Marianne Stegmaier

Ein Buch über die sieben Todsünden? Kann das ein „schönes“ Buch sein? Wie liest sich ein Buch über die Abgründe der menschlichen Seele? Es ist mutig und eine Herausforderung, sich mit diesen menschlichen Abgründen in Prosaform zu beschäftigen. Gudrun Strüber lässt in ihrem Buch den Leser in sieben Geschichten aus unterschiedlichen Zeitepochen hautnah in diese Abgründe schauen. Hat man das Buch zu Ende gelesen, stellt man sich vielleicht die Fragen (auf jeden Fall habe ich sie mir gestellt): Warum ist der Mensch so? Warum lernt er nicht aus den Fehlern der Vergangenheit? Ist unsere Zivilisation auf den Abgründen der menschlichen Seele aufgebaut? Diese Fragen zu beantworten, wird uns wahrscheinlich noch Jahrhunderte erfolglos beschäftigen. Gudrun Strüber hat versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden bzw. hat sie ihre eigenen persönlichen Antworten gesucht und gefunden. Sie erzählt die Geschichte von Mara, einem Geistwesen, das in die Welt der Menschen gelangt und dort sieben Leben verbringt. Sie verfällt dem sündigen Leben – dem „todsündigen“ Leben. Maras Seele wird sieben Mal wiedergeboren – in der Hoffnung auf ein Leben voller Tugenden. Sie nutzt es nicht und verfällt stattdessen mit jedem Leben einer anderen Todsünde, um am Ende … Lest selber! Am Ende stellte ich mir die Frage: Wer hat Mara auf diese Reise geschickt? Ihr sieben Mal die Chance gegeben, sie zu einem guten „Menschen/Wesen“ werden zu lassen? Wer hat die Illusion/Traum/Wunsch nach einer besseren Welt? Es war wohl jemand, der die Hoffnung auf das Gute in dieser Welt nicht aufgegeben hat, aber enttäuscht wurde? Als mich Gudrun bat, ihr Buch zu lektorieren und zu illustrieren, habe ich gerne ja gesagt. Ich wusste nicht, in welche seelischen Abgründe ich eintauchen muss, wie sehr mich die Geschichten gefangen nehmen und in die Welt der Sünden ziehen werden. „Die sieben Todsünden“ ist kein „schönes“ Buch. Es ist ein faszinierendes Buch. Jede Geschichte für sich ist spannend und unbedingt lesenswert. Es regt auf jeden Fall zum Nachdenken an.

Klappentext

„Die sieben Todsünden“ von Gudrun Strüber
Auszug aus der Rezension von Marianne Stegmaier

Ein Buch über die sieben Todsünden?
Kann das ein „schönes“ Buch sein?

Es ist mutig und eine Herausforderung, sich mit den menschlichen Abgründen in Prosaform zu beschäftigen. Gudrun Strüber lässt in ihrem Buch den Leser in sieben Geschichten aus unterschiedlichen Zeitepochen hautnah in diese Abgründe schauen.

Hat man das Buch zu Ende gelesen, stellt man sich vielleicht die Fragen: Warum ist der Mensch so? Warum lernt er nicht aus den Fehlern der Vergangenheit? Ist unsere Zivilisation auf den Abgründen der menschlichen Seele aufgebaut?

Die Autorin hat auf diese Fragen ihre eigenen persönlichen Antworten gesucht und gefunden.

„Die sieben Todsünden“ ist kein „schönes“ Buch. Es ist ein faszinierendes Buch. Jede Geschichte für sich ist spannend und unbedingt lesenswert.