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Schreiben für die Seele – Eine Geschichtenwerkstatt

Autor:
Marianne Voß
Verlag:
Fabuloso Verlag
Erscheinungsjahr:
2018
Sonstiges:

Preis: 9,80 Euro
ISBN: 978-3-945346-70-9
240 Seiten

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Oder direkt beim Autor.
Leseprobe
Anna K. – Verflixte Erfindung

Diesen Winter ist es besonders kalt und der kleine Drache hat schon fast sein ganzes Holz verbraucht. Geld hat er auch kaum noch, um sich neues zu kaufen und so verbringt er fast den ganzen Tag im Bett, um Holz zu sparen.

Die Zeiten für Feuer speiende Drachen sind schlecht, weil es seit Kurzem eine neue Erfindung gibt. „Streichhölzer“ nennen sie die Menschen. Immer mehr Dorfbewohner schaffen sich diese Streichhölzer an. Wenn das so weitergeht, wird er arbeitslos und arm. Schon jetzt reicht sein Einkommen kaum zum Überleben, geschwei­ge denn für die neue Fuhre Holz. Die hat er schon beim Förster bestellt, kann sie aber nicht abholen, weil er kaum noch Geld hat.

Bisher haben ihn die Menschen gerufen, wenn ihnen das Feuer im Ofen ausgegangen ist, sie eine besonders heiße Flamme für ihren Kamin brauchten oder er ihnen beim Verbrennen der Gartenabfälle helfen sollte.

Damit wird es wohl bald vorbei sein. Weihnachten, eigentlich sein Hauptgeschäft des Jahres, war dieses Jahr ziemlich mau. Die Kinder haben sich immer gefreut, wenn er kam. Nachdem er die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet hatte, haben sie immer noch eine Weile mit ihm gesprochen und gespielt. Dann ist er zur nächsten Familie gegangen.

Dieses Jahr haben nur drei Familien seinen „Feuerdienst“ in Anspruch genommen. Die anderen Familien haben sich diese verfluchten Streichhölzer gekauft. Weihnachten war für ihn dieses Mal sehr einsam und er hat lange Stunden allein in seiner kleinen Blockhütte im Wald verbracht. Im Dorf brannten überall die Kerzen und alle Menschen waren fröhlich.

Der kleine Feuerdrache ist so traurig, dass er die meiste Zeit schlafend im Bett verbringt. Aus dem Haus geht er kaum noch. Seine Lebensmittelvorräte reichen auch nur noch für einige Tage.

Im Dorf wundert man sich nach einigen Tagen, dass der kleine Feuerdrache nicht mehr am Brunnen auf dem Dorfplatz zu finden ist. Eigentlich sitzt er fast täglich dort und wartet auf Aufträge. Die Dorfbewohner machen sich Sorgen. Immer mehr versammeln sich am Brunnen und rätseln, wo er bleibt.

„Es hilft nichts“, sagt der Dorfälteste, „ich werde zu ihm in den Wald gehen und schauen, ob alles in Ordnung ist.“

„Zum Glück haben wir jetzt Streichhölzer und brauchen nicht mehr frieren“, ruft die Bäckersfrau. „Damit können wir sogar unseren Backofen anzünden.“

„Ja, zum Glück“, stimmt auch der Pfarrer zu, „mit den Streichhölzern bekomme ich sogar den großen Kamin in der Kirche an. Es dauert zwar länger, bis er richtig gut heizt, aber ich zünde ihn einfach früher an.“

So kann fast jeder aus dem Dorf erzählen, wie wunderbar diese Streichhölzer funktionieren. Man ist froh, sie zu haben, weil ja der kleine Drache seit Kurzem so unzuverlässig ist und nicht mehr am Brunnen sitzt.

„Leute, merkt ihr nichts?“ Der Dorfälteste fällt dem letzten Redner ins Wort. Er hat die ganze Zeit aufmerksam zugehört. „Wer hat denn in den letzten Tagen den klei­nen Drachen gebeten, bei ihm Feuer zu machen?“

Keiner meldet sich.

„Seht ihr! Deswegen ist er nicht mehr hier. Wir brauchen sein Feuer nicht mehr, weil wir alle Streichhölzer haben.“

Erschrocken schauen sich die Dorfbewohner an.

„Bei mir war er lange nicht mehr Brot kaufen“, fällt der Bäckersfrau auf.

„Die bestellte Fuhre Holz hat er auch nicht abgeholt.“ Die Stimme des Försters klingt nun sorgenvoll. „Ich werde sie gleich auf meinen Karren laden und ihm bringen.“

„Ich packe Brot und Brötchen ein und komme mit.“

Der Besitzer vom Lebensmittelladen schließt sich eben­falls an. Die Kinder machen sich auch Sorgen um den kleinen Drachen. Sie lieben ihn sehr und viele saßen an Heiligabend weinend vor dem Weihnachtsbaum, weil der kleine Drache nicht kam, um die Kerzen anzuzünden und mit ihnen Geschichten zu erzählen.

So macht sich das halbe Dorf auf den Weg in den Wald zum kleinen Drachen. Sogar der alte Pfarrer schließt sich an. Die Schreibzeit ist um, ohne dass die Geschichte zu Ende geschrieben werden konnte. Wir hatten viele Ideen, wie sie enden könnte. Am besten gefiel uns folgende Variante: Der kleine Drache wird noch zu „Großaufträgen“ gerufen: Kamin in der Kirche anzünden, Gartenabfälle verbrennen und Weihnachtsbaumkerzen anzünden. Dafür ist sein Feuer unschlagbar effektiv. Ansonsten benutzen die Dorfbewohner im Alltag ihre Streichhölzer. Der kleine Drache bekommt jedoch eine neue Arbeits­stelle. Die Erzieherin im Kindergarten ist so überlastet und braucht dringend Hilfe und Unterstützung. Der klei­ne Drache liebt Kinder sehr und wird der zweite Kinderbetreuer im Kindergarten.
Rezension

Klappentext

Die Seele schreibt …
und das Geschriebene ist gut für die Seele.

Sie finden Spannendes, Nachdenkliches, Lustiges,
Skurriles, Überraschendes, Momentaufnahmen,
Lyrisches aber auch Persönliches aus dem Leben und aus der Seele der Teilnehmenden einer Schreibgruppe.

Wie wird das Dunkel innen klagen!
Ob das so in Ordnung wäre?
Sind nicht begründet
die verschlossenen Tore?

Doch was wäre ein Schluss
ohne die Möglichkeit
der Öffnung?

Herausgeber: Marianne Voß und Annette Rindtorff
Vorwort< Dieses Buch „Schreiben für die Seele“ ist das authentische Ergebnis eine Schreibwerkstatt. Die Schreiblustigen dieser Gruppe treffen sich seit April 2016 in einem Berliner Nachbarschaftszentrum. Einmal im Monat schreiben sie für zwei Stunden gemeinsam, lesen sich vor, reden und lachen miteinander. Sie bringen Worte aufs Papier, die aus ihrem Inneren sprechen. Die Gruppe ist offen gestaltet, d.h. innerhalb der hier dokumentierten zwei Jahre wechselten die Teilnehmer. Anfänglich sehr regelmäßig Kommende verließen die Gruppe, fanden andere Lebensschwerpunkte (wir hoffen, dass sie ihr Schreiben in anderer Form fortführen), andere kehrten nach längeren Pausen zurück. Und bis zum Ende des hier veröffentlichten Zeitraumes kamen immer noch neue Schreibende dazu, so dass die Zahl der Autoren im Laufe der Zeit auf fünfzehn angewachsen ist. Die Gruppe findet weiterhin statt.