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Fragwürdige Wirkung

Autor:
Dr. Walter Kiefl Charlotte Halink
Verlag:
MentaLibre, München
Erscheinungsjahr:
2011
Sonstiges:

200 Seiten
Preis 15,00 €
ISBN 978-3-940223-28-9

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Leseprobe
Vorbemerkungen

Die nachfolgend geschilderten sich über rund eineinhalb Jahre (Sommer 1997 bis Winter 1998/1999) erstreckenden Tagebuchaufzeichnungen sind nur ein kleiner Ausschnitt einer sich über Jahrzehnte erstreckenden Krankheitsgeschichte. Aufgrund ihrer Authentizität und Detailliertheit lassen sich daraus wichtige Einblicke in den Ablauf von (endogenen) Depressionen auch in Abhängigkeit vom Einnehmen und Absetzen von Psychopharmaka gewinnen, wobei ein grundlegendes Problem so gut als möglich bearbeitet wird, nämlich die Schwierigkeit, die dabei ablaufenden Vorgänge mitzuteilen:

„Der Schrecken dieser Krankheit wird dadurch noch vergrößert, dass sie sich nicht beschreiben lässt. Sie entzieht sich den Ausdrucksmöglichkeiten. Selbst wenn seelisch Gesunde einen körperlichen Schmerz beschreiben wollen, suchen sie nach Worten; und niemand, dem dieser Schmerz beschrieben wurde, hat ihn je wirklich nachfühlen können. Für die Not des psychisch Kranken gibt es keine Worte. Das Elend kann nur mit Vergleichen umschrieben werden und trifft doch nie das unvergleichlich Quälende richtig“ (*1).

So unvollkommen sie auch sein mögen, tragen derartige Beschreibungsversuche doch viel zum Verstehen dieser Krankheit und der Situation der davon Betroffenen bei. Sie machen aber auch deutlich, wie wenig zielgerichtet und wie wenig frei von unerwünschten Nebeneffekten auch schon lange eingeführte und anerkannte Medikamente wirken bzw. wie wichtig eine behutsame und ärztlich begleitete, wenn auch sehr zeitraubende und die Geduld von Patient und Arzt strapazierende Dosierung, Einstellung und Überwachung ist. Hier drängt sich der Vergleich mit einem Menschen auf, der zur Steuerung eines komplizierten Mechanismus lediglich über eine grobe Zange verfügt. Die intensiven Forschungsanstrengungen und die zahlreichen Medikamente können nicht darüber hinwegtäuschen, dass man immer noch ernüchternd wenig sowohl über die Ursachen dieser Krankheit als auch über die insgesamt und für den Einzelfall erfolgversprechendsten Therapien weiß. Wenig hilfreich sind hier — wie auch in anderen Bereichen der Medizin – die mitunter, polemisch geführten Auseinandersetzungen über den „richtigen“ Ansatz, indem „… manchmal Glaubenskriege geführt werden zwischen den Anhängern der biologischen und der psychogenen Verursachung von Depressionen, das heißt darüber, ob sie angeborene Hirnstoffwechselstörungen oder ob sie seelisch verursacht sind. Diese Kluft kann weitreichende Folgen haben und bewirkt im Extremfall, dass von Anhängern des biologischen Modells nur Antidepressiva verordnet werden, während die des psychogenen Modells Medikamente ablehnen und nur psychotherapeutisch behandeln. Dann wird zum Schaden des Depressiven nicht beides angewandt.“ (*2).

Vieles an der geschilderten Leidensgeschichte der Patientin ist sicher genetisch und konstitutionell bedingt, vieles wie z.B. der frühe Tode der Mutter, eine zum großen Teil freudlose Kindheit oder die Enttäuschung über fehlende Anerkennung ist spezifischen sozialen und biographischen Umständen geschuldet, und ein großer Teil der Beschwerden geht auf eine immer mehr Menschen drückende und überfordernde Arbeitssituation zurück, doch hat ein erheblicher Teil der erlittenen Schwierigkeiten damit zu tun, dass der Patientin oft nicht im erforderlichen und an sich möglichen Maße geholfen wurde. Dies spiegelt weniger das Unvermögen als die Unwilligkeit mancher Ärzte und des derzeitigen Gesundheitssystems insgesamt wider, zu einem umfassenderen, d.h. ganzheitlichem Verständnis von Erkrankungen zu gelangen. Die Ursache dafür beruht weder auf der Rückständigkeit der medizinischen Wissenschaft, einer bewussten Leugnung der Wechselwirkungen zwischen Seele und Körper oder mangelnder ärztlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern darin, dass nicht wenige Ärzte desinteressiert und/oder ungeduldig sind, unter Einbeziehung des Patienten eine sorgfältige (und oft zeitraubende) Anamnese durchzuführen und dafür (scheinbar) bewährte Routinen zu verlassen. Bedenkt man aber, dass derzeit durchschnittlich ein Drittel der Arbeitszeit eines Arztes mit bürokratischen Anforderungen ausgefüllt ist (Tendenz steigend), so kann man ihnen nur bedingt einen Vorwurf machen, liegt doch die wesentliche Ursache in einem System, das nur bestimmte ärztliche Leistungen honoriert (d.h. dafür eine Abrechnung über die Krankenkassen ermöglicht), auch wenn sie dem Patienten nicht helfen oder gar schaden, und wenn ein Arzt, der im Interesse des Patienten diesen Rahmen übersteigen möchte, mit zusätzlichem bürokratischen Aufwand bestraft wird.
Rezension

Klappentext

Wenn Ärzte nicht helfen und Medikamente schaden

Die hier geschilderten sich über rund eineinhalb Jahre erstreckenden Tagebuchaufzeichnungen sind nur ein Ausschnitt aus einer sich über Jahrzehnte erstreckenden Krankheitsgeschichte. Aufgrund ihrer Authentizität und Detailliertheit lassen sich daraus wichtige Einblicke in den Ablauf von Depressionen auch in Abhängigkeit vom Einnehmen und Absetzen von Psychopharmaka gewinnen.
Derartige Schilderungen tragen nicht nur zum besseren Verstehen der davon Betroffenen bei, sondern machen auch deutlich, wie wenig zielgerichtet und wie wenig frei von unerwünschten Nebeneffekten auch schon lange eingeführte und anerkannte Medikamente wirken bzw. wie wichtig eine behutsame und ärztlich begleitete, wenn auch sehr zeitraubende und die Geduld von Patient Arzt strapazierende Dosierung, Einstellung und Überwachung ist.

Dr. Kiefl, Walter & Charlotte Halink